Regelung, Sensoren & Motoren

Referenz ⚙️ Mechatronik 14 Abschnitte Stand 04.09.2026

Der Signalweg eines mechatronischen Systems: messen, regeln, bewegen. Regelungstechnik von der Übertragungsfunktion bis zum Zustandsraum, die Messkette mit Sensor-Katalog — und die Antriebe vom Motortyp über den Treiber bis zur Auslegung mit Getriebe.

01 / 14Start & Landkarte

Regelung heißt: messen, vergleichen, nachstellen — dauernd. Dieses Modul spannt den ganzen Bogen: vom Regelkreis über Sensorik und Messkette bis zu Motoren, Treibern und Antriebsauslegung. Ein Regler kann nicht besser sein als sein Messwert — und kein Antrieb schneller als seine Auslegung erlaubt.

Steuerung und Regelung

Steuerung (offene Kette) Stellglied Strecke w y keine Rückmeldung — Störungen wirken ungebremst Regelung (geschlossener Kreis) Regler Strecke Störung z w y Rückführung: y wird gemessen und abgezogen
GrößeZeichenBedeutung
FührungsgrößewWas erreicht werden soll — der Sollwert
RegelgrößeyWas tatsächlich herauskommt — der Istwert
Regelabweichunge = w − yDie Differenz; sie treibt den Regler an
StellgrößeuWas der Regler an die Strecke gibt
StörgrößezAlles, was von außen auf die Strecke wirkt

Landkarte

Die Kette, um die es geht

Physik Sensor Verstärker ADC Rechner Treiber Aktor die Welt schließt den Kreis

Jedes Glied dieser Kette fügt Fehler, Verzögerung und Rauschen hinzu. Wer eine Regelung verbessern will, prüft zuerst, welches Glied wirklich begrenzt — oft ist es nicht der Regler, sondern ein grob auflösender Sensor oder ein Getriebe mit Spiel.

Der ehrlichste Satz über Regelungstechnik: Die meisten Aufgaben löst ein PI-Regler mit sinnvollen Parametern. Der aufwendige Teil ist selten der Reglerentwurf, sondern die Strecke zu verstehen, sauber zu messen und mit Begrenzung, Rauschen und Totzeit umzugehen.

Verwandte Module

Signalkonditionierung, Instrumentenverstärker, ADC-Auswahl, EMV.
Timer, Interrupts und Busse — dort läuft der Regler als Code.
SPS, Sicherheit, Kinematik und ROS — Regelung im Anlagenkontext.
PID-Tuning am Flugregler — der Spezialfall in der Praxis.
Grundlage dieses Moduls
  • Jan Lunze, Regelungstechnik 1 und 2, Springer Vieweg — das Standardwerk im deutschsprachigen Raum.
  • Karl Johan Åström, Richard Murray, Feedback Systems — vollständig kostenlos, modern, sehr gut lesbar.
  • Åström & Hägglund, Advanced PID Control, ISA — die Referenz zu allem, was PID betrifft.
  • Jörg Hoffmann (Hrsg.), Handbuch der Messtechnik, Hanser; Tränkler & Reindl (Hrsg.), Sensortechnik, Springer.
  • Rolf Fischer, Elektrische Maschinen, Hanser — der Standard zu Motoren.
  • Brian Douglas, Control System Lectures — die anschaulichste kostenlose Erklärung von Bode, Nyquist und Zustandsraum.

02 / 14Modellbildung & Übertragungsfunktion

Ein Modell muss nicht richtig sein, sondern nützlich. Für den Reglerentwurf genügen fast immer drei Parameter — Verstärkung, Zeitkonstante, Totzeit — aus einem einzigen Sprungversuch. Die Laplace-Transformation macht daraus Algebra: aus der Differentialgleichung wird die Übertragungsfunktion.

Zwei Wege zum Modell

Theoretisch (weiße Box)

  • Weg: Kräfte-, Energie-, Maschenbilanz → Differentialgleichung mit interpretierbaren Parametern
  • Stärke: Aussagen vor dem Bau möglich
  • Schwäche: Reibung, Spiel und Nichtlinearitäten fehlen meist

Experimentell (schwarze Box)

  • Weg: Sprungantwort messen, Parameter ablesen
  • Stärke: schneller und meist genauer — beschreibt das reale System
  • Schwäche: gilt nur um den gemessenen Arbeitspunkt

In der Praxis mischt man beides („graue Box“): Struktur aus der Physik, Zahlenwerte aus der Messung — fast immer der schnellste Weg zu einem brauchbaren Regler.

Der Sprungversuch

K_S·Δu 0 T_u T_g Sprung bei t₀ Beharrungswert

Arbeitspunkt einstellen, Sprung fahren

Stellgröße sprunghaft um 10–20 % des Stellbereichs ändern — deutlich, aber unkritisch. In beide Richtungen messen (Heizen ist nicht Kühlen) und mindestens drei Versuche mitteln.

Verstärkung ablesen

K_S = Δy / Δu im eingeschwungenen Zustand.

Wendetangente anlegen

Schnitt mit der Anfangslinie → Verzugszeit T_u; Schnitt mit dem Beharrungswert → Ausgleichszeit T_g.

Regelbarkeit beurteilen

T_g/T_u > 10 gut · 3 … 10 normal · < 3 schwierig. Bei schlechtem Verhältnis hilft kein besserer Regler, sondern nur eine bessere Strecke oder Vorsteuerung.

Typische Streckenarten

ArtVerhaltenBeispielReglerwahl
P-Strecke (mit Ausgleich)Neuer Beharrungswert nach SprungHeizung, Drehzahl bei konstanter LastPI reicht meist
I-Strecke (ohne Ausgleich)Läuft nach Sprung immer weiterFüllstand, Position bei DrehzahlvorgabeP oder PD — I-Anteil im Regler oft schädlich
Mit TotzeitReagiert erst nach WartezeitFörderband, RohrleitungVorsichtig; ab T_t/T > 0,5 Smith-Prädiktor erwägen
NichtminimalphasigLäuft zuerst in die falsche RichtungKesselfüllstand, Boost-WandlerBegrenzt die Bandbreite grundsätzlich — nicht wegregelbar
InstabilLäuft ohne Regelung wegInverses Pendel, Quadrocopter, MagnetlagerRegelung zwingend; Sicherheitsabschaltung vorsehen
NichtlinearVerstärkung hängt vom Arbeitspunkt abVentilkennlinie, Reibung, SättigungLinearisieren oder Gain Scheduling
Wiederkehrendes SystemGleichungErgibt
Erwärmung / RC-GliedC·dT/dt = P − (T − T_u)/R_thPT1 mit τ = R_th·C bzw. RC
Antrieb, DrehzahlJ·dω/dt = M_mot − M_last − b·ωPT1 mit τ = J/b
Feder-Masse-Dämpferm·ẍ + d·ẋ + c·x = FPT2 mit ω₀ = √(c/m), D = d/(2√(cm))
Füllstand / PositionA·dh/dt = q_zu − q_abIntegrator

RLC-Kreis, gefedertes Werkzeug und Positionierantrieb gehorchen derselben Gleichung zweiter Ordnung — wer eine versteht, versteht alle. Siehe Elektrotechnik → Schaltvorgänge.

Laplace: Ableiten wird Multiplizieren

ZeitbereichBildbereichBedeutung
df/dts·F(s) − f(0)Ableiten wird Multiplikation mit s
∫f dtF(s)/sIntegrieren wird Division durch s
f(t − T_t)e^(−s·T_t)·F(s)Totzeit wird ein Exponentialfaktor
Sprung σ(t)1/sDas Standard-Testsignal
e^(−at)1/(s + a)Der abklingende Anteil eines PT1-Glieds
G(s) = Y(s) / U(s) Übertragungsfunktion: Ausgang durch Eingang im Bildbereich bei verschwindenden Anfangsbedingungen. Beschreibt das lineare System vollständig — dieselbe Idee wie das jω der Wechselstromrechnung, nur allgemeiner.
Reihenschaltung
G_ges = G₁ · G₂ — multiplizieren. Deshalb addieren sich im Bode-Diagramm Dezibel und Phasen.
Parallelschaltung
G_ges = G₁ + G₂ — addieren. So setzt sich der PID aus seinen drei Anteilen zusammen.
Rückführung (negativ)
G_w = G₀ / (1 + G₀) mit G₀ als offenem Kreis — die wichtigste Formel der Regelungstechnik.
Störübertragung
G_z = G_S / (1 + G₀) — hohe Kreisverstärkung unterdrückt Störungen, gefährdet aber die Stabilität.

Pole und Nullstellen

ReIm stabil (Re < 0) instabil (Re > 0) reeller Pol Polpaar → Schwingung Nullstelle × wächst
PollageZeitverhaltenBeispiel
Reell, negativAbklingende e-Funktion; je weiter links, desto schnellerPT1-Glied
Konjugiert komplex, linksGedämpfte Schwingung: Realteil = Abklingen, Imaginärteil = FrequenzSchwingfähiges PT2
Auf der imaginären AchseUngedämpfte DauerschwingungStabilitätsgrenze
Im UrsprungIntegrierendes VerhaltenI-Glied, Position aus Drehzahl
Rechte HalbebeneAufklingend — instabilInverses Pendel ohne Regelung
Nullstelle rechtsNichtminimalphasig: erst falsche RichtungBoost-Wandler, Kesselfüllstand
Kurzfassung: Alle Pole links der imaginären Achse — stabil. Wie weit links, bestimmt die Geschwindigkeit; der Abstand zur reellen Achse das Schwingen. Reglerentwurf heißt im Kern: die Pole des geschlossenen Kreises an eine gute Stelle schieben.

Rechnen ohne Rücktransformation

SatzFormelNutzen
Endwertsatzy(∞) = lim(s→0) s·Y(s)Bleibende Regelabweichung ohne Simulation
Anfangswertsatzy(0⁺) = lim(s→∞) s·Y(s)Wert direkt nach dem Sprung — zeigt Durchgriff
Statische VerstärkungK = G(0)Ausgang je Eingang im Beharrungszustand

Beispiel: bleibende Abweichung

Strecke G_S = 2/(1 + 5s), P-Regler mit K_R = 4 → G₀(0) = 8. Bleibende Abweichung beim Sollwertsprung: e(∞) = 1/(1 + G₀(0)) = 1/9 ≈ 11 %. Ein reiner P-Regler an einer Strecke mit Ausgleich lässt immer einen Rest stehen — erst der I-Anteil bringt G₀(0) auf unendlich und die Abweichung auf null.

Quellen
  • Lunze, Regelungstechnik 1 — Modellbildung, Laplace-Transformation, Übertragungsfunktion.
  • Åström & Murray, Feedback Systems, Kapitel 2, 3, 8 und 9.
  • Lennart Ljung, System Identification: Theory for the User — experimentelle Modellbildung.
  • Papula, Mathematik für Ingenieure, Band 2 — Laplace mit Korrespondenztabelle.
  • Werkzeuge: python-control und scipy.signal — kostenlose Alternative zu MATLAB.

03 / 14Übertragungsglieder & Regelkreis

Fast jedes technische System lässt sich aus einer Handvoll Bausteinen zusammensetzen. Wer ihre Sprungantworten im Kopf hat, erkennt aus einer Messkurve sofort, womit er es zu tun hat. Und der geschlossene Regelkreis wird an zwei Aufgaben gemessen: dem Sollwert folgen (Führung) und ihn trotz Störung halten (Störverhalten).

Die Grundglieder

GliedG(s)SprungantwortBeispiel
P — proportionalKSpringt sofort auf K, bleibt dortSpannungsteiler, Hebel, Getriebe
I — integrierendK/sSteigt linear an, ohne EndeFüllstand, Position aus Drehzahl
D / DT1 — differenzierendK·s bzw. K·s/(1 + T·s)Ideal: Nadelimpuls (nicht realisierbar); real: Sprung, dann AbklingenJeder praktisch gebaute D-Anteil
PT1K/(1 + T·s)e-Funktion; nach T sind 63 % erreicht, nach 3T 95 %, nach 5T 99 %Erwärmung, RC-Glied, Drehzahl mit Reibung
PT2K/(1 + 2DT·s + T²s²)Je nach D schwingend, aperiodisch oder kriechendFeder-Masse-Dämpfer, RLC-Kreis
PTt — Totzeite^(−T_t·s)Sprung, um T_t verzögertFörderband, Rohrleitung, Rechenzeit
PDK(1 + T_v·s)Sprung über den Endwert, dann zurückRegleranteil, Vorhalt
P-Glied I-Glied DT1-Glied PT1-Glied T PT2 (D = 0,4) Totzeit T_t PT2 (D = 1) PT2 (D = 0,1) PD-Glied

Eine Kette vieler kleiner Zeitkonstanten ergibt den S-Verlauf mit T_u und T_g aus dem Sprungversuch — und lässt sich für Einstellregeln gut als PT1 mit Totzeit annähern.

PT2 und die Dämpfung

Dämpfung DVerhaltenÜberschwingenEinsatz
0Dauerschwingung100 %Stabilitätsgrenze — nie gewollt
0,3Deutlich schwingend≈ 37 %Zu wenig gedämpft für die meisten Fälle
0,5Schwingend, klingt schnell ab≈ 16 %Häufiger Kompromiss bei Antrieben
0,707Optimum aus Schnelligkeit und Ruhe≈ 4,3 %Der übliche Zielwert
1Aperiodischer Grenzfall0 %Schnellstmöglich ohne Überschwingen
> 1Kriechfall0 %Wenn Überschwingen tabu ist

Abschätzung: Anstiegszeit ≈ 1,8/ω₀ bei D = 0,7; Ausregelzeit auf 2 % ≈ 4/(D·ω₀). Aus der gewünschten Reaktionszeit folgt so die nötige Bandbreite des Kreises.

Totzeit — der unangenehmste Baustein

Totzeit lässt sich nicht wegregeln. Sie dreht die Phase (φ = −ω·T_t im Bogenmaß — bei 1 Hz und 100 ms bereits −36°), ohne die Amplitude zu dämpfen: genau die Kombination, die aus Gegenkopplung Mitkopplung macht.
  • T_t/T bestimmt die erreichbare Geschwindigkeit: über 0,5 schwierig, über 1 sehr schwierig.
  • Wirksamster Hebel ist Verkleinern: schneller und näher am Prozess messen, Rechen- und Kommunikationszeit senken.
  • Smith-Prädiktor kompensiert bekannte Totzeit rechnerisch — empfindlich gegen Modellfehler.
  • Abtastung wirkt wie T_a/2 Totzeit — zu langsame Abtastung ist doppelt schädlich (Digitale Regelung).

Gütekriterien des Regelkreises

Sollwert 0 Überschwingen T_an Ausregelzeit (2-%-Band) Toleranzband ±2 %
KriteriumDefinitionTypische Zielwerte
Anstiegszeit T_anVon 10 % auf 90 % des EndwertsSo kurz wie die Stellgröße zulässt
ÜberschwingenHöchster Wert über dem Sollwert, in Prozent0 % bei Positionierung, 5–20 % bei schnellen Antrieben
AusregelzeitBis der Wert dauerhaft im Toleranzband bleibt (meist ±2 %)Das übliche Hauptkriterium
Bleibende AbweichungRest nach unendlicher ZeitNull — dafür sorgt der I-Anteil
RobustheitAmplituden- und Phasenreserve> 6 dB bzw. 45–60° (Stabilität)
StellaufwandWie stark die Stellgröße arbeitetDauerhaft an der Begrenzung = falsch eingestellt

Führungs- oder Störverhalten?

Führungsverhalten optimiert

  • Sollwert ändert sich häufig, Störungen gering: Positionierantriebe, Bahnsteuerung
  • Vorsichtige Einstellung, wenig Überschwingen
  • Vorsteuerung hilft am meisten: bekannten Sollwertverlauf direkt aufschalten, der Regler korrigiert nur den Rest

Störverhalten optimiert

  • Sollwert steht fest, Lasten wechseln: Temperatur, Drehzahlkonstanz, Druckhaltung
  • Aggressivere Einstellung, höhere Kreisverstärkung
  • Vorsteuerung wirkungslos — außer die Störung wird gemessen (Störgrößenaufschaltung)

Die CHR-Einstellregeln geben genau deshalb getrennte Parametersätze an — siehe PID.

Was die Reglertypen bewirken

ReglerBleibende AbweichungGeschwindigkeitStabilitätRauschverstärkung
Pbleibt bestehenschnellhohe Verstärkung destabilisiertgering
PInulletwas langsamer als PI-Anteil kostet Phasenreservegering
PDbleibt bestehensehr schnellD-Anteil verbessert die Phasenreservehoch
PIDnullschnellguter Kompromisshoch — ohne Filter unbrauchbar
Faustregel Reglerwahl: Strecke mit Ausgleich → PI. Strecke ohne Ausgleich (Integrator, z. B. Position) → P oder PD; ein zusätzlicher I-Anteil macht sie leicht instabil. Träge Strecke mit Totzeit und wenig Rauschen → PID lohnt sich. Stark verrauscht → D-Anteil weglassen oder kräftig filtern.

Empfindlichkeitsfunktion — die Grenze jeder Regelung

S = 1/(1 + G₀)  ·  T = G₀/(1 + G₀)  ·  S + T = 1 S: wie stark Störungen durchkommen · T: Führungsverhalten. Beide summieren sich immer zu 1 — man kann nicht beides gleichzeitig kleinmachen.
  • Niedrige Frequenzen: S klein — langsame Störungen ausregeln. Dafür sorgt hohe Kreisverstärkung, praktisch der I-Anteil.
  • Um die Durchtrittsfrequenz: Geschwindigkeit und Stabilität — hier zählt die Phasenreserve.
  • Hohe Frequenzen: T klein — Messrauschen darf nicht auf die Stellgröße durchschlagen.
  • Wasserbett-Effekt (Bode-Integral): Was man bei einer Frequenz an Störunterdrückung gewinnt, verliert man bei einer anderen. Regelung verschiebt Probleme im Frequenzbereich, sie beseitigt sie nicht.
Quellen
  • Lunze, Regelungstechnik 1 — Übertragungsglieder, Güteforderungen, Empfindlichkeitsfunktion.
  • Föllinger, Regelungstechnik, VDE Verlag — Tabellen zu Sprung- und Frequenzantworten.
  • Åström & Murray, Feedback Systems, Kapitel 11 und 12 — Wasserbett-Effekt.
  • Simulation: python-control mit step_response(), oder Scilab/Xcos.

04 / 14PID: verstehen & einstellen

Der PID-Regler beantwortet drei Fragen: Wie groß ist der Fehler jetzt (P), wie lange besteht er schon (I), wie schnell ändert er sich (D). Über 90 % aller industriellen Regelkreise arbeiten mit dieser Struktur — und Einstellregeln liefern den Startwert, nicht den Endwert.

Die Gleichung

u(t) = K_p · [ e(t) + (1/T_n)·∫e dt + T_v · de/dt ] Standardform: K_p wirkt auf alle drei Anteile. T_n heißt Nachstellzeit, T_v Vorhaltzeit — beide in Sekunden.
AnteilReagiert aufBewirktNachteil
Pdie aktuelle AbweichungSofortige Reaktion, GrundgeschwindigkeitBleibende Abweichung; zu groß → Schwingen
Idie Summe aller AbweichungenBeseitigt die bleibende Abweichung vollständigMacht träger, kostet Phasenreserve, neigt zu Windup
Ddie ÄnderungsgeschwindigkeitWirkt vorausschauend, dämpft Überschwingen, erlaubt höheres K_pVerstärkt Messrauschen massiv; ohne Filter unbrauchbar

Ausprobieren

Regelkreis-Spielwiese

Strecke: zwei hintereinandergeschaltete PT1-Glieder mit einstellbarer Zeitkonstante und Totzeit. Die Stellgröße ist auf ±3 begrenzt, mit Anti-Windup. Sollwertsprung bei t = 1 s.

Soll 0 +50 % 24 s
Regelgröße yStellgröße uSollwert w

Was man ausprobieren sollte: T_n auf 0 stellen (kein I-Anteil) — die Kurve bleibt unter dem Sollwert stehen, das ist die bleibende Regelabweichung. Dann T_n schrittweise verkleinern: Der Fehler verschwindet, aber es beginnt zu schwingen. Zuletzt Totzeit hinzufügen: Dieselben Parameter, die vorher gut waren, führen jetzt zu Dauerschwingen — ein guter Beleg dafür, warum Totzeit das eigentliche Problem ist.

ÄnderungAnstiegszeitÜberschwingenAusregelzeitBleibende AbweichungStabilität
K_p größerkürzergrößerkaum verändertkleinerschlechter
T_n kleiner (I stärker)etwas kürzergrößerlängernullschlechter
T_v größer (D stärker)kaum verändertkleinerkürzerunverändertbesser (bis zu einem Punkt)

Der Rechner

Reglerparameter aus Streckendaten

Beim Schwingversuch werden K_krit und T_krit gebraucht, bei den Sprungantwort-Verfahren T_u, T_g und die Streckenverstärkung K_S.

Ziegler-Nichols

Schwingversuch: I- und D-Anteil abschalten, K_p erhöhen, bis der Kreis eine gleichbleibende Dauerschwingung zeigt. K_krit = eingestellter Beiwert, T_krit = Periodendauer.

ReglerK_pT_nT_v
P0,5 · K_krit
PI0,45 · K_krit0,85 · T_krit
PID0,6 · K_krit0,5 · T_krit0,12 · T_krit
Der Schwingversuch fährt die Anlage an die Stabilitätsgrenze — an Motor, Heizung oder Achse mit Endanschlag riskant bis unzulässig. Alternative: Relaisversuch nach Åström-Hägglund — ein Zweipunktschalter mit kleiner Amplitude erzeugt eine kontrollierte Schwingung, aus Amplitude und Periode folgen K_krit und T_krit. Genau das steckt hinter der Selbstoptimierung industrieller Regler.

Aus der Sprungantwort (T_u, T_g, K_S aus dem Sprungversuch), bewusst schnell mit ~20 % Überschwingen:

ReglerK_pT_nT_v
PT_g/(K_S·T_u)
PI0,9 · T_g/(K_S·T_u)3,33 · T_u
PID1,2 · T_g/(K_S·T_u)2,0 · T_u0,5 · T_u

Chien, Hrones und Reswick (aperiodisch, 0 % Überschwingen)

1952 mit zwei Verbesserungen gegenüber Ziegler-Nichols: getrennte Werte für Führungs- und Störverhalten, jeweils ohne und mit 20 % Überschwingen. Für Mechatronik ist die aperiodische Variante meist die richtige — Überschwingen ist dort mechanisch teuer.

FallReglerK_pT_nT_v
FührungP0,3 · T_g/(K_S·T_u)
PI0,35 · T_g/(K_S·T_u)1,2 · T_g
PID0,6 · T_g/(K_S·T_u)1,0 · T_g0,5 · T_u
StörungP0,3 · T_g/(K_S·T_u)
PI0,6 · T_g/(K_S·T_u)4,0 · T_u
PID0,95 · T_g/(K_S·T_u)2,4 · T_u0,42 · T_u

Lambda-Tuning (IMC)

K_p = T / (K_S · (λ + T_t))  ·  T_n = T Für PT1-Strecke mit Totzeit und PI-Regler. Man gibt die Wunsch-Zeitkonstante λ des geschlossenen Kreises vor: λ groß = ruhig und robust, λ klein = schnell und empfindlich. Startwert: λ = T bzw. λ = 3·T_t, je nachdem, was größer ist.

Ein einziger Parameter mit klarer physikalischer Bedeutung — Standard in der Verfahrenstechnik. Grenzen: braucht ein brauchbares Streckenmodell, für instabile Strecken nicht direkt anwendbar.

Reglerformen — Vorsicht bei fremden Parametern

FormGleichungAnmerkung
Standard (ISA)K_p·[e + (1/T_n)∫e + T_v·ė]K_p wirkt auf alles — der verbreitetste Fall, auch hier verwendet
ParallelK_p·e + K_i·∫e + K_d·ėIn Bibliotheken üblich. Umrechnung: K_i = K_p/T_n, K_d = K_p·T_v
Serie (interagierend)K_p'·(1 + 1/(T_n's))·(1 + T_v's)Historisch (pneumatische Regler); manche Altgeräte
Deshalb passen fremde Parameter oft nicht: Form klären — und ob T_n in Sekunden oder Minuten gemeint ist (Verfahrenstechnik oft Minuten). Der Faktor 60 ist eine erstaunlich häufige Fehlerquelle. FPV-spezifisches PID-Tuning am Flugregler: Drohnen & FPV.

Von Hand nachjustieren

Einen Parameter auf einmal, spürbar ändern

Faktor 1,5–2, nicht 5 % — und immer denselben Test fahren (gleicher Sprung oder gleiche Laststörung).

Schwingt es? K_p verkleinern oder T_n vergrößern

Die Periode verrät die Ursache: nahe T_n → I-Anteil zu stark; deutlich kürzer → K_p zu groß.

Zu träge? Erst K_p vergrößern

Dann erst den I-Anteil. Zu starker I bei zu kleinem K_p erzeugt langsame, hartnäckige Schwingungen.

Überschwingen: T_n vergrößern, dann K_p senken, zuletzt D

Ein D-Anteil ohne Filter macht nur das Rauschen sichtbar — Umsetzung unter Digitale Regelung & Praxis.

Ergebnis dokumentieren

Parameter, Streckenzustand, Datum, Sprungantwort. Spart beim nächsten Gerät die halbe Arbeit.
Quellen
  • J. G. Ziegler, N. B. Nichols, Optimum Settings for Automatic Controllers, Transactions of the ASME, 1942.
  • K. L. Chien, J. A. Hrones, J. B. Reswick, On the Automatic Control of Generalized Passive Systems, Transactions of the ASME, 1952.
  • Åström & Hägglund, Advanced PID Control, ISA 2006 — Reglerformen, Relaisversuch, Lambda-Tuning.
  • Brett Beauregard, Improving the Beginner's PID — praktische Umsetzung auf Mikrocontrollern.
  • Deutschsprachige Tabellen: Faustformelverfahren (Automatisierungstechnik).

05 / 14Stabilität: Bode & Nyquist

Stabil heißt: Der Kreis schaukelt sich nicht auf. Jede Instabilität hat dieselbe Ursache — bei irgendeiner Frequenz dreht das System die Phase um 180° und verstärkt dabei immer noch mit mehr als 1. Dann wird aus Gegenkopplung Mitkopplung.

Das Bode-Diagramm des offenen Kreises

0 dB +20 −40 ω_d (Durchtritt) |G₀| −90° −180° Phasenreserve arg G₀
KennwertDefinitionZielbereichWas er bedeutet
Durchtrittsfrequenz ω_dFrequenz, bei der |G₀| = 1 (0 dB)Bestimmt die Geschwindigkeit des geschlossenen Kreises
Phasenreserve φ_R180° + arg G₀ bei ω_d45–60°, unter 30° kritischWie viel zusätzliche Phasendrehung der Kreis verträgt, bevor er schwingt
Amplitudenreserve A_R1/|G₀| bei arg G₀ = −180°> 6 dB (Faktor 2), üblich 6–14 dBUm welchen Faktor die Verstärkung steigen dürfte, bis es instabil wird
Totzeitreserveφ_R (im Bogenmaß) / ω_dmöglichst großWie viel zusätzliche Verzögerung der Kreis aushält — die praxisnächste Zahl
Warum die Phasenreserve die wichtigere Zahl ist: Sie hängt direkt mit dem Überschwingen zusammen. Faustregel für Systeme zweiter Ordnung: Dämpfung D ≈ φ_R/100° — brauchbar bis etwa 60–70°. 45° entsprechen D ≈ 0,45 und rund 20 % Überschwingen, 60° entsprechen D ≈ 0,6 und etwa 9 %. Jede zusätzliche Verzögerung im Kreis — Filter, Abtastzeit, Feldbus — frisst davon.

Was Phasenreserve kostet

ElementPhasenverlust bei ω_dAnmerkung
Totzeit T_t−ω_d·T_t (Bogenmaß)Bei ω_d = 10 rad/s und 20 ms: −0,2 rad = −11,5°
Abtastung mit T_a≈ −ω_d·T_a/2Der Halteglied-Ausgang wirkt wie eine halbe Abtastperiode Totzeit
Messfilter (PT1, T_f)−arctan(ω_d·T_f)Deshalb ist ein zu träges Filter ein Stabilitätsproblem
Zusätzliches PT1bis −90°Jede Verzögerung in der Kette zählt mit
I-Anteil−90° bei tiefen FrequenzenDer Preis für die verschwindende bleibende Abweichung
D-Anteilbis +90°Der einzige Anteil, der Phasenreserve zurückgibt
T_t,zulässig = φ_R · (π/180°) / ω_d Beispiel: 50° Phasenreserve bei ω_d = 20 rad/s ergibt 44 ms Totzeitreserve. Wer eine Funkstrecke oder einen langsamen Bus in den Kreis legt, prüft zuerst diese Zahl.

Das Nyquist-Kriterium

ReIm −1 ω = 0 ω → ∞ Kurve umschließt −1 nicht → stabil
Die einfache Fassung
Ist der offene Kreis stabil, so ist der geschlossene genau dann stabil, wenn die Ortskurve von G₀(jω) den Punkt −1 nicht umschließt.
Die allgemeine Fassung
Hat der offene Kreis P Pole in der rechten Halbebene, muss die vollständige Ortskurve den Punkt −1 P-mal im Gegenuhrzeigersinn umlaufen. Das ist der Grund, warum Nyquist auch instabile Strecken beurteilen kann — Bode allein kann das nicht.
Warum ausgerechnet −1
Der geschlossene Kreis ist G₀/(1 + G₀). Wird G₀ = −1, geht der Nenner auf null, die Verstärkung wird unendlich — Dauerschwingung.
Der Abstandskreis
Der kleinste Abstand der Ortskurve zu −1 ist ein besseres Robustheitsmaß als beide Reserven einzeln: Er erfasst die Fälle, in denen Amplituden- und Phasenreserve gut aussehen, die Kurve aber trotzdem dicht an −1 vorbeiläuft.

Die Verfahren im Vergleich

VerfahrenBrauchtLiefertStärke
BodeFrequenzgang des offenen KreisesPhasen- und AmplitudenreserveDirekt aus einer Messung erstellbar — kein Modell nötig
Nyquistdasselbe als OrtskurveStabilitätsaussage auch bei instabilem offenem KreisDer allgemeinste Fall
WurzelortskurveModell mit Polen und NullstellenWanderung der Pole über KZeigt anschaulich, wann und wo Instabilität entsteht
Hurwitz / RouthNennerpolynomJa/Nein-AussageRein rechnerisch, ohne Diagramm; gut für symbolische Grenzen
SimulationModellZeitverlaufAnschaulich, beweist aber keine Stabilität — sie zeigt nur den geprüften Fall

Frequenzgang messen statt rechnen

Sinus einspeisen

Am geschlossenen Kreis ein kleines Sinussignal auf den Sollwert oder die Stellgröße geben — klein genug, dass keine Begrenzung greift.

Amplitude und Phase mitschreiben

Frequenz schrittweise durchfahren, je Punkt über mehrere Perioden mitteln. Das Ergebnis ist das Bode-Diagramm des realen Systems, inklusive aller Effekte, die kein Modell enthält.

Reserven ablesen

Durchtrittsfrequenz, Phasen- und Amplitudenreserve direkt aus der Messung. Netzwerkanalysatoren machen genau das; für langsame Strecken genügt ein Skript.

Alternative: Relaisversuch

Ein Zweipunktschalter mit kleiner Amplitude liefert aus Periode und Amplitude einen Punkt der Ortskurve — die Grundlage der Selbstoptimierung industrieller Regler (PID).
Quellen
  • Lunze, Regelungstechnik 1 — Stabilität und Frequenzkennlinienverfahren.
  • Åström & Murray, Feedback Systems, Kapitel 9 und 10 — Nyquist und Robustheit, mit sehr guten Abbildungen.
  • Föllinger, Regelungstechnik, VDE Verlag — Wurzelortskurve und Hurwitz-Kriterium ausführlich.
  • Brian Douglas, Control System Lectures — Videoreihe zu Bode, Nyquist und Stabilitätsreserven.

06 / 14Digitale Regelung & Praxis

Ein digitaler Regler rechnet in festen Zeitabständen — und genau das ist der Unterschied. Die Abtastung fügt eine Totzeit von etwa einer halben Abtastperiode hinzu und begrenzt damit die Bandbreite. Faustregel: zehn- bis zwanzigmal schneller abtasten, als der geschlossene Kreis sein soll. Alles Weitere auf dieser Seite ist Praxis: Begrenzung, Rauschen, Kaskade, Sicherheit.

Abtastzeit wählen

T_a ≈ T_95/10 … T_95/20  oder  ω_d · T_a ≤ 0,2 … 0,4 T_95: Zeit, bis die Sprungantwort der Strecke 95 % erreicht. ω_d: Durchtrittsfrequenz des offenen Kreises (Stabilität).
RegelgrößeTypische StreckenzeitSinnvolle Abtastzeit
Strom im Motor0,1–2 ms20–100 µs, meist synchron zur PWM
Drehzahl10–200 ms1–10 ms
Position50–500 ms1–10 ms
Temperatur (Lötspitze)1–3 s50–200 ms
Temperatur (Raum, Ofen)Minuten bis Stunden1–10 s
Füllstand, DruckSekunden100 ms – 1 s
Zu schnell abtasten ist ebenfalls ein Fehler. Bei sehr kleiner Abtastzeit wird die Differenz zweier Messwerte winzig — der D-Anteil rechnet dann fast nur noch Rauschen, und bei ganzzahliger Arithmetik verschwindet der I-Anteil in der Rundung. Dazu kostet jede Abtastung Rechenzeit.

Vom kontinuierlichen zum diskreten Regler

VerfahrenErsetzungEigenschaft
Vorwärtsdifferenz (Euler explizit)s → (z − 1)/T_aEinfachste Form; kann aus einem stabilen Regler einen instabilen machen
Rückwärtsdifferenz (Euler implizit)s → (z − 1)/(z·T_a)Erhält Stabilität immer; die pragmatische Standardwahl
Tustin / Bilinears → 2(z − 1)/(T_a(z + 1))Beste Übereinstimmung im Frequenzgang; für Filter die richtige Wahl
Direkter Entwurf im z-BereichAm genauesten, aber aufwendiger — lohnt bei grober Abtastung

PID-Regler als Code

typedef struct {
    float kp, ki, kd;        /* ki = kp*Ta/Tn ; kd = kp*Tv/Ta */
    float integral;
    float y_prev;            /* letzter Istwert (D auf y, nicht auf e) */
    float d_filt;            /* gefilterter D-Anteil                  */
    float alpha;             /* Filterfaktor, 0.1 ... 0.3             */
    float u_min, u_max;
} pid_t;

float pid_step(pid_t *p, float w, float y)
{
    float e = w - y;
    float u = p->kp * e;                       /* P-Anteil          */

    p->integral += p->ki * e;                  /* I mit Anti-Windup */
    if (p->integral > p->u_max) p->integral = p->u_max;
    if (p->integral < p->u_min) p->integral = p->u_min;
    u += p->integral;

    float d_raw = -p->kd * (y - p->y_prev);    /* D auf y, gefiltert */
    p->d_filt  += p->alpha * (d_raw - p->d_filt);
    u += p->d_filt;
    p->y_prev = y;

    if (u > p->u_max) u = p->u_max;            /* Stellbegrenzung   */
    if (u < p->u_min) u = p->u_min;
    return u;
}

Feste Abtastzeit sicherstellen

Die Funktion gehört in einen Timer-Interrupt, nicht in die Hauptschleife. Schwankt T_a, ändern sich effektiv K_i und K_d bei jedem Aufruf.

T_a in die Beiwerte einrechnen

K_i = K_p·T_a/T_n, K_d = K_p·T_v/T_a. Wer die Abtastzeit ändert, muss beide anpassen.

Messen, rechnen, stellen — unmittelbar hintereinander

ADC vom Timer triggern lassen, bei PWM-Lasten in der Mitte der Ein- oder Ausschaltphase messen, nie auf der Flanke. Jede Verzögerung dazwischen ist zusätzliche Totzeit.

Rechenzeit und verpasste Takte überwachen

GPIO-Pin am Anfang und Ende der Regelroutine setzen und am Oszilloskop messen. Mehr als ein Drittel der Abtastperiode wird eng; ein Zähler für verpasste Zyklen gehört in jede ernsthafte Umsetzung.

Stoßfrei umschalten

Beim Wechsel von Hand- auf Automatikbetrieb den Integralanteil so setzen, dass die Stellgröße unverändert bleibt — sonst springt der Antrieb.
Ohne FPU: Auf Controllern ohne Fließkommaeinheit kostet jede Fließkommaoperation ein Vielfaches — bei hohen Regeltakten Festkomma verwenden, den Integralanteil breiter rechnen als den Rest und sättigende statt überlaufender Arithmetik nutzen. Ein Überlauf im Regler bedeutet Vorzeichenwechsel der Stellgröße. Zahlenformate: Digitaltechnik → Zahlendarstellung.

Anti-Windup

Steht die Stellgröße an ihrer Grenze, wirkt keine Änderung mehr — der Kreis ist offen, der I-Anteil summiert aber weiter. Beim Erreichen des Sollwerts muss dieser Berg erst abgebaut werden, und die Regelgröße schießt weit über.

VerfahrenPrinzipBewertung
Integrator anhaltenBei begrenzter Stellgröße nicht weiter integrieren, wenn der Fehler in dieselbe Richtung zeigtEinfach, wirksam, zwei Zeilen Code
Integrator klemmenIntegralanteil auf den Stellbereich begrenzenSehr einfach (siehe Code oben), bei stark ungleichen Anteilen etwas grob
Back-CalculationDifferenz aus berechneter und tatsächlicher Stellgröße gewichtet vom Integral abziehenDas Verfahren der Wahl; die Rückkehr aus der Begrenzung ist einstellbar
Bedingtes IntegrierenNur integrieren, wenn der Fehler unter einer Schwelle liegtHilft bei großen Sollwertsprüngen
Woran man Windup erkennt: Große Sollwertsprünge überschwingen stark und brauchen viel länger als erwartet, kleine laufen sauber. Der Test: Sprung so groß wählen, dass die Begrenzung sicher erreicht wird, und die Stellgröße mitschreiben.

Messrauschen und der D-Anteil

Warum D so empfindlich ist
Der D-Anteil verstärkt proportional zur Frequenz: Rauschen bei 500 Hz wird hundertmal stärker verstärkt als Nutzsignal bei 5 Hz.
Filter auslegen
Tiefpass mit T_f = T_v/N, N zwischen 5 und 20. Kleineres N heißt stärkere Filterung — und mehr Phasenverlust.
Besser als filtern: sauberer messen
Höhere Geberauflösung, kürzere und geschirmte Leitung. Rauschen zu unterdrücken ist immer die zweitbeste Lösung (Messkette).
Drehzahl aus Position
Die Differenz zweier Positionswerte ist bei kurzer Abtastzeit stark quantisiert. Besser: Zeit zwischen Flanken messen oder einen Beobachter verwenden (Zustandsraum).

Kaskade und Vorsteuerung

Positionsregler Drehzahlregler Motor Mechanik Drehzahl (innen, schnell) Position (außen, langsam) w y
  • Wann sie lohnt: Eine schnelle innere Größe ist messbar und beeinflusst die langsame äußere — Strom vor Drehzahl vor Position, Vorlauf- vor Raumtemperatur.
  • Der Gewinn: Störungen im inneren Kreis werden ausgeregelt, bevor sie außen ankommen; zusätzlich linearisiert der innere Kreis die Strecke für den äußeren.
  • Die Regel: Der innere Kreis muss mindestens dreimal, besser fünf- bis zehnmal schneller sein als der äußere.
  • Reihenfolge: Immer von innen nach außen einstellen — erst den inneren Kreis schließen, dann den äußeren mit dem geschlossenen inneren Kreis als Teil der Strecke.
  • Begrenzungen weiterreichen: Der Ausgang des äußeren Reglers ist Sollwert des inneren und wird auf dessen zulässigen Bereich begrenzt — die eleganteste Strombegrenzung.

Führungsvorsteuerung

  • Aus dem bekannten Sollwertverlauf direkt eine Stellgröße berechnen und aufschalten
  • Beim Antrieb: Beschleunigungsmoment aus dem geplanten Geschwindigkeitsprofil vorausrechnen
  • Reduziert den Schleppfehler oft um eine Größenordnung

Störgrößenaufschaltung

  • Eine messbare Störung direkt kompensieren, ohne Umweg über die Regelabweichung
  • Beispiele: Außentemperatur bei der Heizung, bekanntes Lastmoment, Eingangsspannung eines Wandlers
  • Wirkt nur so gut, wie das Modell stimmt
Vorsteuerung ist die wirkungsvollste einzelne Maßnahme, um einen Kreis schneller zu machen — ohne die Stabilität anzutasten. Sie liegt außerhalb des Kreises und kann ihn deshalb nicht destabilisieren.

Nichtlinearitäten beherrschen

EffektSymptomGegenmaßnahme
HaftreibungAntrieb bleibt kurz vor dem Ziel stehen und ruckt dann; GrenzzyklenLosbrechmoment vorsteuern, Reibung senken, Toleranzband akzeptieren
Spiel im GetriebeBeim Richtungswechsel passiert erst nichts, dann schlägt es durchMechanisch vorspannen, Spielkompensation, direkt am Abtrieb messen
VentilkennlinieVerstärkung ändert sich über den Hub um ein VielfachesKennlinie invertieren, bevor die Stellgröße ausgegeben wird
SättigungAb einem Punkt bewirkt mehr Stellgröße nichtsBegrenzung im Regler abbilden, Anti-Windup
Arbeitspunktabhängige VerstärkungBei kleiner Last zu träge, bei großer instabilGain Scheduling: Parametersätze je Bereich, sanft überblenden
QuantisierungGrenzzyklen mit der Amplitude eines LSBAuflösung erhöhen, Totband um den Sollwert, Dithering

Sicherheit im Regelkreis

  • Messwert plausibilisieren: Sensor abgerissen, kurzgeschlossen, Wert außerhalb des physikalisch Möglichen — jeder Fall muss zu definiertem Verhalten führen, nicht zu 100 % Stellgröße.
  • Zeitüberwachung: Bleibt der Messwert konstant, obwohl gestellt wird, ist etwas kaputt.
  • Stellgröße hart begrenzen — zusätzlich in Hardware, wo es gefährlich wird: Break-Eingang am Timer, Überstromkomparator.
  • Definierter Zustand bei Start und Fehler: Heizung aus, Motor stromlos, Ventil in Sicherheitsstellung. Nie „letzter Wert“.
  • Watchdog: Bleibt die Regelroutine stehen, muss die Anlage in den sicheren Zustand fallen. Anforderungen an die funktionale Sicherheit: Automatisierung & Robotik.
Quellen
  • Åström & Wittenmark, Computer-Controlled Systems: Theory and Design — das Standardwerk zur digitalen Regelung.
  • Lunze, Regelungstechnik 2 — Abtastsysteme und mehrschleifige Regelung.
  • Åström & Hägglund, Advanced PID Control — Anti-Windup, stoßfreies Umschalten, Filterung, Vorsteuerung.
  • Texas Instruments und Analog Devices: Anwendungsberichte zur Motorregelung mit Kaskadenstruktur (Strom, Drehzahl, Position).

07 / 14Zustandsraum & Beobachter

Der Zustandsraum beschreibt ein System durch seine inneren Größen statt nur durch Ein- und Ausgang. Der Gewinn: Mehrgrößensysteme, gezielte Polplatzierung und Beobachter für Größen, die man nicht messen kann. Der Preis: mehr Mathematik und ein Modell, das stimmen muss.

Die Zustandsdarstellung

ẋ = A·x + B·u    y = C·x + D·u x Zustandsvektor, u Eingang, y Ausgang. A beschreibt die Eigendynamik, B den Einfluss der Stellgröße, C die Messung.
Was ein Zustand ist
Die kleinste Menge an Größen, aus denen sich mit dem künftigen Eingang die gesamte Zukunft berechnen lässt. Anschaulich: alles, was Energie speichert — Position, Geschwindigkeit, Spulenstrom, Kondensatorspannung, Temperatur.
Ordnung
So viele Zustände wie die Ordnung der Differentialgleichung. Feder-Masse-System: zwei (Position, Geschwindigkeit). RLC-Kreis: ebenfalls zwei.
Eigenwerte von A
Sind genau die Pole der Übertragungsfunktion. Alle Realteile negativ heißt stabil — dieselbe Aussage wie im Bildbereich, andere Rechnung.
Mehrgrößensysteme
Der eigentliche Vorteil: Bei mehreren gekoppelten Ein- und Ausgängen wird die Übertragungsfunktionsdarstellung unhandlich, die Matrixform bleibt kompakt.

Zustandsrückführung und Polvorgabe

u = −K·x + V·w Statt nur den Ausgang zurückzuführen, wird der ganze Zustandsvektor verwendet. V sorgt dafür, dass der Sollwert stationär erreicht wird.

Steuerbarkeit prüfen

Nur ein steuerbares System erlaubt beliebige Pollagen. Rechnerisch über den Rang der Steuerbarkeitsmatrix.

Wunschpole festlegen

Aus Überschwingen und Ausregelzeit — dieselben Zusammenhänge wie beim PT2-Glied (Glieder).

K berechnen

Nach Ackermann oder mit Werkzeug (place() in python-control). Von Hand nur bis zur dritten Ordnung sinnvoll.

Realistisch bleiben

Sehr schnelle Wunschpole ergeben sehr große Stellgrößen. Zehnmal schneller als die Strecke heißt: Der Regler steht ständig in der Begrenzung.

Integralanteil ergänzen

Die reine Zustandsrückführung hat bei Modellfehlern eine bleibende Abweichung. Ein zusätzlicher Integrator über den Ausgangsfehler behebt das (erweiterter Zustandsvektor).

LQR als Alternative: Statt Pole vorzugeben, gewichtet ein Gütefunktional Regelabweichung gegen Stellaufwand; das Ergebnis ist eine optimale Rückführmatrix mit guten Robustheitseigenschaften. Praktisch ist es oft leichter, zwei Gewichtungsmatrizen zu justieren als Pollagen zu erraten.

Beobachter

Meist lassen sich nicht alle Zustände messen — Geschwindigkeit ohne Tachogenerator, Lastmoment, Temperatur im Bauteilinneren. Ein Beobachter rechnet sie aus Modell und messbaren Größen.

Strecke Modell L Fehler Korrektur des Modells y ŷ u
BeobachtertypPrinzipEinsatz
LuenbergerModell parallel zur Strecke, Korrektur proportional zum AusgangsfehlerDeterministische Systeme, Geschwindigkeit aus Position
Reduzierter BeobachterSchätzt nur die nicht gemessenen ZuständeSpart Rechenzeit
StörgrößenbeobachterErweitert den Zustand um die unbekannte StörungLastmomentschätzung bei Antrieben — sehr wirkungsvoll
Kalman-FilterOptimaler Beobachter unter der Annahme normalverteilten RauschensSensorfusion, Navigation, Lageschätzung
Erweitertes Kalman-Filter (EKF)Linearisiert das Modell in jedem SchrittNichtlineare Systeme; Standard in der Robotik (Robotik)
Das Trennungsprinzip: Regler und Beobachter dürfen unabhängig entworfen werden — die Pole des Gesamtsystems sind die Vereinigung beider Polsätze. Praktische Regel: Der Beobachter sollte zwei- bis fünfmal schneller sein als der Regler. Langsamer bremst er den Regler aus, deutlich schneller reicht er Messrauschen durch.

Kalman-Filter und Sensorfusion

Schritt bzw. GrößeWas passiert
VorhersageAus Modell und letzter Stellgröße wird der neue Zustand geschätzt — samt gewachsener Unsicherheit
KorrekturTrifft eine Messung ein, wird zwischen Vorhersage und Messung gewichtet: Je verlässlicher die Messung, desto stärker zählt sie
Q (Modellrauschen)Wie sehr man dem Modell misstraut. Größeres Q: Der Filter folgt der Messung schneller
R (Messrauschen)Wie sehr man der Messung misstraut. Größeres R: Der Filter glättet stärker

Der klassische Anwendungsfall

  • Lageschätzung aus Beschleunigungs- und Drehratensensor
  • Drehratensensor: kurzfristig genau, driftet langfristig
  • Beschleunigungssensor: langfristig richtig, kurzfristig verrauscht und bewegungsempfindlich
  • Der Filter kombiniert genau die jeweiligen Stärken

Wann es einfacher geht

  • Komplementärfilter: Hochpass auf die integrierte Drehrate, Tiefpass auf die Beschleunigung, addieren
  • Drei Zeilen Code, kaum Rechenaufwand, für viele Anwendungen gleichwertig
  • Kalman lohnt bei mehreren Sensoren mit unterschiedlichen Raten und bekannten Unsicherheiten

Wann Zustandsraum wirklich lohnt

Ja

  • Mehrere gekoppelte Ein- und Ausgänge
  • Instabile Strecken (Balancieren, Magnetlager)
  • Wichtige Größen sind nicht messbar
  • Sensorfusion aus mehreren Quellen
  • Optimierung nach einem Gütekriterium

Eher nicht

  • Ein Eingang, ein Ausgang, gutmütige Strecke — PID reicht
  • Kein verlässliches Modell verfügbar
  • Starke Nichtlinearitäten, die das Modell nicht abbildet
  • Rechenleistung sehr knapp
Quellen

08 / 14Messkette & Kalibrierung

Zwischen dem physikalischen Effekt und der Zahl im Rechner liegen mehrere Umwandlungen — und jede kostet Genauigkeit. Zwei Regeln tragen den ganzen Abschnitt: Verstärken, bevor gestört wird — und: Auflösung, Richtigkeit und Wiederholbarkeit sind drei verschiedene Dinge.

Signalkonditionierung

StufeAufgabeTypische Umsetzung
AnregungDer Sensor braucht eine Speisung: Strom durch einen Widerstandssensor, Spannung an einer BrückeKonstantstromquelle, geregelte Referenz; möglichst gepulst gegen Selbsterwärmung
SchutzÜberspannung, ESD, Verpolung abfangenReihenwiderstand plus Klemmdioden, TVS am Steckverbinder
VerstärkungSignal auf den Eingangsbereich des Wandlers bringenInstrumentenverstärker bei Differenzsignalen, OPV bei Einzelsignalen
FilterungAlles oberhalb der Nutzbandbreite entfernenRC oder aktives Filter — vor dem ADC, analog
PegelanpassungNullpunkt verschieben, damit auch negative Werte messbar sindBezug auf halbe Versorgung, oder Wandler mit Differenzeingang
WandlungAnalog zu digitalSAR für schnelle Messungen, Delta-Sigma für hochauflösende langsame
LinearisierungKennlinie in physikalische Einheiten umrechnenPolynom oder Tabelle mit Interpolation — in Software

Verstärker-, Filter- und Wandlerauswahl im Detail: Analogtechnik → Wandler.

Brücke und Anschlussart

U_diff = U_speisung · (R2/(R1+R2) − R4/(R3+R4)) Vollbrücke mit vier aktiven Elementen: U_diff = U_speisung · ΔR/R — viermal empfindlicher als die Viertelbrücke und temperaturkompensiert.
Viertel-, Halb-, Vollbrücke
Ein, zwei oder vier aktive Elemente. Mit jeder Stufe steigen Empfindlichkeit und Temperaturkompensation; Wägezellen sind praktisch immer Vollbrücken.
Ratiometrisch messen
Brücke und ADC-Referenz aus derselben Spannung speisen. Dann kürzt sich die Speisespannung heraus — der wichtigste Trick bei Brückensensoren.
Fertige Bausteine nehmen
HX711 (24 Bit für Wägezellen), ADS1220/ADS1256 (Delta-Sigma mit Verstärker) enthalten Anregung, Verstärkung und Wandlung. Fast immer besser als ein selbstgebauter Verstärkerzug.
Kelvin auch beim Shunt
Die Spannungsabgriffe gehören innerhalb der Stromanschlüsse. Sonst misst man den Übergangswiderstand der Lötstellen mit — bei Milliohm-Shunts liegt der in derselben Größenordnung wie der Shunt selbst.
AnschlussPrinzipFehler durch LeitungswiderstandTypisch für
ZweileiterStrom und Messung über dieselben LeitungenVoll wirksam: 1 Ω Leitung sind beim Pt100 rund 2,6 KKurze Strecken, unkritische Messungen
DreileiterEine zusätzliche Leitung erlaubt Kompensation, wenn alle drei gleich sindWeitgehend kompensiertDer Industriestandard beim Pt100
Vierleiter (Kelvin)Getrennte Strom- und Messleitungen; über die Messleitungen fließt kein StromVollständig eliminiertPräzisionsmessung, Shunts, Labormessgeräte

Störungen fernhalten und 4–20 mA

Differentiell übertragen

Zwei Leitungen, die Störung wirkt auf beide gleich, der Instrumentenverstärker zieht sie ab. Die wirksamste Einzelmaßnahme bei kleinen Signalen.

Verdrillen, schirmen, trennen

Verdrillen gegen magnetische, Schirm gegen elektrische Einkopplung — bei niederfrequenten Analogsignalen den Schirm einseitig auflegen. Analog- und Leistungsleitungen nie parallel führen, Kreuzungen im rechten Winkel. Nur ein Massebezugspunkt, sonst Brummschleife; getrennte Systeme galvanisch trennen. Vertiefung: Elektrotechnik → EMV.

50 Hz gezielt eliminieren

Über ein ganzzahliges Vielfaches der Netzperiode mitteln (20 ms). Genau das steckt hinter der NPLC-Einstellung von Tischmultimetern.
  • Warum der Standard hält: Der Leitungswiderstand ist egal, ein Drahtbruch ist erkennbar (0 mA sind ein Fehler, nicht der Bereichsanfang), und die Übertragung ist über hunderte Meter störfest.
  • Zweileitertechnik: Der Sensor speist sich aus dem Messstrom selbst.
  • Empfängerseite: Bürdewiderstand, meist 250 Ω → 1–5 V. HART überlagert dem Strom ein digitales Signal für Konfiguration und Diagnose.
  • Im Gerät, über kurze Strecken, ist ein digitaler Bus einfacher und billiger.
  • Auflösung, Richtigkeit, Wiederholbarkeit

    BegriffBedeutungBeispiel
    AuflösungKleinste unterscheidbare Änderung16-Bit-ADC an 3,3 V: 50 µV
    Richtigkeit (Genauigkeit)Abweichung vom wahren WertThermoelement Typ K, Klasse 1: ±1,5 K
    Wiederholbarkeit (Präzision)Streuung bei mehrfacher Messung derselben Größe±0,05 mm bei einem Positionsantrieb
    HystereseUnterschied zwischen steigender und fallender MessungBei mechanischen Sensoren und Ferromagnetika typisch
    DriftÄnderung über Zeit oder Temperatur±50 ppm/K bei einer einfachen Referenzspannung
    AnsprechzeitBis 63 % (τ) bzw. 90 % des Endwerts erreicht sindTemperaturfühler im Schutzrohr: mehrere Sekunden
    richtig + präzise präzise, nicht richtig richtig, nicht präzise weder noch

    Warum die Unterscheidung praktisch zählt: Für eine Regelung ist Wiederholbarkeit meist wichtiger als absolute Richtigkeit — ein systematischer Offset wird vom Integralanteil ausgeglichen. Für eine Anzeige oder eine Abnahme ist es umgekehrt. Für eine Differenzmessung zählt nur die Auflösung.

    Fehlerarten und Unsicherheit

    Systematisch

    • Immer in dieselbe Richtung, reproduzierbar
    • Offset, Verstärkungsfehler, Nichtlinearität, falsche Referenz
    • Durch Kalibrierung zu beseitigen — das ist ihr ganzer Sinn

    Zufällig

    • Streut um den Mittelwert: Rauschen, Quantisierung, Einstreuung
    • Durch Mitteln zu reduzieren — um √N bei N unabhängigen Messungen
    • Mitteln hilft nicht gegen einen Offset
    u_gesamt ≈ √(u₁² + u₂² + u₃² + …) Unabhängige Beiträge addieren sich quadratisch. Deshalb dominiert der größte Einzelbeitrag: Wer den zweitgrößten halbiert, gewinnt fast nichts.
    Typische FehlerquelleGrößenordnungGegenmaßnahme
    SelbsterwärmungPt100 mit 1 mA: 0,1–1 K je nach EinbauMessstrom senken oder gepulst messen
    Thermospannungeneinige µV je Kelvin Gefälle über die PlatineSymmetrischer Aufbau, gleiche Materialien, Zugluft vermeiden
    LeitungswiderstandPt100 im Zweileiteranschluss: 2,6 K je OhmDrei- oder Vierleiteranschluss
    Alterung und EinbauReferenzen driften im ersten Jahr am stärksten; verschraubte Druck- und Kraftsensoren zeigen OffsetNachkalibrieren, im Einbauzustand nullen

    Kalibrieren und plausibilisieren

    Einpunkt: Offset

    Genügt, wenn die Steigung stimmt — etwa beim Tarieren einer Waage.

    Zweipunkt: Offset und Verstärkung

    Zwei bekannte Punkte, möglichst weit auseinander, aber innerhalb des Nutzbereichs. Für die meisten Sensoren ausreichend.

    Mehrpunkt: nichtlineare Kennlinien

    Stützstellen aufnehmen und interpolieren, oder ein Polynom anpassen. Vorsicht bei hoher Ordnung — sie schwingt zwischen den Stützstellen.

    Rückführbarkeit sicherstellen

    Ein Referenzgerät, das selbst nicht kalibriert ist, überträgt seinen Fehler. Für ernsthafte Messungen braucht es eine Kette bis zu einem nationalen Normal.

    Kalibrierdaten dauerhaft speichern

    In EEPROM oder Flash, mit Datum und Prüfsumme — sonst gehen sie beim nächsten Firmware-Update verloren.
    • Bereichsprüfung: Liegt der Wert im physikalisch Möglichen? −273 °C oder 900 °C am Raumfühler heißt: Sensor defekt oder abgerissen.
    • Änderungsrate prüfen: Kann sich die Größe so schnell ändern? 20 K Raumtemperatursprung in einer Sekunde ist ein Fehler, kein Messwert.
    • Stillstand erkennen: Ein über Minuten exakt konstanter Wert ist verdächtig — vermutlich hängt die Kommunikation.
    • Redundanz: Zwei Sensoren vergleichen; bei drei lässt sich der Ausreißer sogar identifizieren.
    • Statusregister auslesen: Viele digitale Sensoren melden ungültige Werte oder Übertemperatur selbst — das kostet nichts.
    • Definiertes Verhalten bei Ausfall: Nicht der letzte gültige Wert, sondern ein festgelegter sicherer Zustand (Digitale Regelung).
    Quellen
    • Analog Devices, Practical Design Techniques for Sensor Signal Conditioning — kostenloses Handbuch, sehr gründlich.
    • Texas Instruments, Analog Engineer's Circuit Cookbook: Sensors und die Precision-Labs-Serie zu Brückensensoren.
    • HBM, Grundlagen der Dehnungsmessstreifen-Technik — frei verfügbar, sehr praxisnah.
    • JCGM 100:2008 (GUM) beim BIPM — Ermittlung der Messunsicherheit; DIN 1319 — Begriffe der Messtechnik.
    • DIN EN 60751 — Platin-Widerstandsthermometer (Pt100/Pt1000) mit Toleranzklassen; Hoffmann, Handbuch der Messtechnik.

09 / 14Sensoren: Prinzipien & Katalog

Fast alle Sensoren nutzen eine Handvoll physikalischer Effekte. Wer die Prinzipien kennt, liest aus einem unbekannten Datenblatt sofort die zu erwartenden Störungen heraus: resistive Sensoren driften mit der Temperatur, kapazitive reagieren auf Feuchte, optische auf Verschmutzung. Darunter der Katalog konkreter, im Handel verfügbarer Bauteile — filterbar.

Die Prinzipien

PrinzipEffektMisstStärkeSchwäche
ResistivWiderstand ändert sich mit der MessgrößeTemperatur, Dehnung, Position, Gas, LichtEinfach, billig, breit einsetzbarTemperaturdrift, Selbsterwärmung, Alterung
KapazitivAbstand, Fläche oder Dielektrikum ändern die KapazitätAbstand, Füllstand, Feuchte, Berührung, BeschleunigungSehr empfindlich, berührungslos, verschleißfreiStreukapazitäten, Feuchte, aufwendige Auswertung
InduktivMetall im Feld ändert die InduktivitätNäherung, Position, DrehzahlRobust, unempfindlich gegen Schmutz und ÖlNur metallische Ziele, begrenzte Reichweite
Hall / magnetoresistivMagnetfeld erzeugt Querspannung bzw. ändert den WiderstandPosition, Drehzahl, Strom, WinkelBerührungslos, robust, auch durch KunststoffFremdfelder, Temperaturdrift, Offset
OptischLicht wird unterbrochen, reflektiert oder gebeugtPosition, Drehwinkel, Anwesenheit, Farbe, EntfernungSehr hohe Auflösung, berührungslosVerschmutzung, Fremdlicht, Nebel
PiezoelektrischKraft erzeugt LadungDynamische Kraft, Beschleunigung, Schall, DruckSehr hohe Bandbreite, keine Speisung nötigNur dynamisch — statisch nur mit Ladungsverstärker und Drift
ThermoelektrischSeebeck-Effekt an der Verbindung zweier MetalleTemperaturSehr großer Bereich, robust, schnellKleine Spannungen (µV/K), Vergleichsstelle nötig
ElektrochemischReaktion erzeugt Strom oder ändert die LeitfähigkeitGas, pH, SauerstoffSehr spezifischBegrenzte Lebensdauer, Querempfindlichkeit, Drift
UltraschallLaufzeit einer SchallwelleEntfernung, Füllstand, DurchflussUnempfindlich gegen Farbe und TransparenzSchallgeschwindigkeit ist temperaturabhängig, breite Keule, weiche Ziele
MEMSMikromechanik auf dem Chip, meist kapazitiv ausgewertetBeschleunigung, Drehrate, Druck, SchallWinzig, billig, digital angebundenNullpunktdrift, empfindlich gegen Vibration und Löthitze

Temperatur — die vier Wege

TypBereichGenauigkeitKennlinieAnmerkung
NTC-Thermistor−40 … 150 °C (Glasperle bis 300 °C)±0,5 … 2 Kstark nichtlinear (Steinhart-Hart)Sehr billig, empfindlich, schnell. Der Standard im 3D-Drucker
Pt100 / Pt1000−200 … 850 °C (Dünnschicht enger)Klasse A: ±(0,15 + 0,002·|t|) Knahezu linearIndustriestandard nach DIN EN 60751. Pt1000 ist im Zweileiteranschluss unkritischer
Thermoelement−200 … 1800 °C je nach TypTyp K Klasse 1: ±1,5 Knichtlinear, Polynome nach IEC 60584Braucht Vergleichsstellenkompensation. Typ K ist der Allrounder
Halbleitersensor (I²C)−40 … 125 °C±0,1 … 1 Kdigital, bereits linearisiertAm einfachsten anzubinden: TMP117, SHT4x, BME280
Infrarot (berührungslos)−70 … 1000 °C±1 … 2 Kabhängig vom EmissionsgradMisst die Oberfläche. Blankes Metall täuscht viel zu niedrige Werte vor

Inertialsensorik und Abstand

Beschleunigungssensor
Misst Beschleunigung inklusive Erdbeschleunigung — im Stillstand also die Neigung. Langfristig richtig, aber verrauscht und bewegungsempfindlich.
Drehratensensor
Misst Winkelgeschwindigkeit; integriert ergibt das den Winkel — kurzfristig sehr genau, aber der Nullpunktfehler summiert sich zur Drift.
Magnetometer
Erdmagnetfeld als Kompass. Wird von Motoren, Lautsprechern und Eisen massiv gestört — Kalibrierung im Einbauzustand ist Pflicht.
Sensorfusion
Die drei ergänzen sich genau in ihren Schwächen. Komplementär- oder Kalman-Filter: Zustandsraum & Beobachter.
Was MEMS-Sensoren stört, steht selten deutlich im Datenblatt: Vibration im Kilohertzbereich kann durch Aliasing als scheinbar konstanter Offset erscheinen. Mechanische Spannungen durch Löten oder Verschrauben verschieben den Nullpunkt dauerhaft — deshalb geben Hersteller Layoutvorschriften mit Entkopplungsschlitzen an. Und Ultraschall-Reinigungsbäder zerstören MEMS-Strukturen zuverlässig.
AbstandsverfahrenReichweiteAuflösungBlind beiKosten
Induktiver Näherungsschalter1–20 mmSchalternichtmetallischen Zielengering
Kapazitiver Näherungsschalter1–30 mmSchaltergering
Reflexlichtschranke1–100 mmSchalter oder analogschwarzen und spiegelnden Oberflächensehr gering
Ultraschall2 cm – 6 m±1 cmweichen, schallschluckenden Zielengering
Time-of-Flight (VL53L1x)4 cm – 4 m±3 mmdirekter Sonneneinstrahlungmittel
LiDAR0,1–100 m±1–30 mmNebel, Regen, sehr dunklen Oberflächenhoch
Radar (60/77 GHz)0,1–50 m±1 cmmittel bis hoch
Kamera mit Bildauswertungbeliebigje nach Auflösungschlechten Lichtverhältnissenmittel, hoher Rechenaufwand

Katalog verfügbarer Sensoren

SensorKategorieMessgrößeBereichGenauigkeitSchnittstelleHinweis aus der Praxis
DS18B20TemperaturTemperatur−55 … +125 °C±0,5 K (−10…85 °C)1-WireMehrere Sensoren an einer Leitung, jeder mit eigener 64-Bit-Kennung. Ideal für verteilte Messstellen. Parasitäre Speisung möglich, aber störanfällig.
TMP117TemperaturTemperatur−55 … +150 °C±0,1 K (−20…50 °C)I²CPräzisionsklasse, ersetzt oft ein Pt100 samt Auswertung. Vier Adressen wählbar.
Pt1000 (Klasse A)TemperaturTemperatur−50 … +500 °C (Dünnschicht)±(0,15 + 0,002·|t|) Kanalog / WiderstandIndustriestandard nach DIN EN 60751. Als Pt1000 auch im Zweileiteranschluss brauchbar, weil der Leitungsfehler zehnmal weniger wiegt als beim Pt100.
Thermoelement Typ K + MAX31855TemperaturTemperatur−200 … +1350 °C±2 K (−200…700 °C)SPIFür Lötspitze, Ofen, Schmelze. Vergleichsstellenkompensation im Wandler eingebaut. Auf geerdete gegen isolierte Messspitze achten.
NTC 100 kΩ B3950TemperaturTemperatur−40 … +300 °C (Glasperle)±1 … 2 KanalogDer Standard im 3D-Drucker-Hotend. Kennlinie über Steinhart-Hart oder Tabelle linearisieren.
MLX90614 / MLX90640TemperaturTemperatur berührungslos−70 … +380 °C±0,5 K (um Raumtemperatur)I²CInfrarot. Der Emissionsgrad der Oberfläche ist die dominierende Fehlerquelle. MLX90640 liefert ein 32×24-Wärmebild.
BME280 / BME680KlimaTemperatur, Feuchte, Druck (BME680 zusätzlich Gas)300–1100 hPa, 0–100 % rF±1 hPa, ±3 % rFI²C / SPIDer Allrounder für Wetter- und Raumklima. Eigenerwärmung beachten: Sensor thermisch vom Board entkoppeln.
SHT4xKlimaTemperatur und Feuchte−40 … +125 °C, 0–100 % rF±0,2 K, ±1,8 % rFI²CSehr genau, mit Heizelement gegen Kondensation. Nachfolger der weit verbreiteten SHT2x-Reihe.
SCD41 (SCD4x)KlimaCO₂ (photoakustisch)400–5000 ppm±(40 ppm + 5 %)I²CEchte CO₂-Messung, nicht nur VOC-Schätzung. SCD40: bis 2000 ppm, ±(50 ppm + 5 %). Braucht regelmäßig Frischluft für die Selbstkalibrierung.
SPS30 / PMS5003KlimaFeinstaub PM1/PM2.5/PM100–1000 µg/m³±10 µg/m³UART / I²COptische Streulichtmessung mit Lüfter. Lebensdauer begrenzt, Lüfter verschmutzt.
HX711 + WägezelleMechanikKraft, Masseje nach Zelle (1 kg … 200 kg)0,05 % vom Endwertseriell (2 Pin)24-Bit-Wandler speziell für Brückensensoren. Sehr langsam (10/80 Hz), dafür extrem einfach. Wägezelle mechanisch spannungsfrei montieren.
DMS (Dehnungsmessstreifen)MechanikDehnung, Kraft, Moment±3000 µm/m0,1 %Brücke, analogDie Klebung entscheidet über die Qualität. Immer als Halb- oder Vollbrücke, sonst dominiert die Temperaturdrift.
MPU-6050 / ICM-42688MechanikBeschleunigung und Drehrate±2…16 g, ±250…2000 °/s0,5–2 % nach KalibrierungI²C / SPIMPU-6050 ist billig und überall dokumentiert, aber alt. ICM-42688 oder LSM6DSO sind deutlich rausch- und driftärmer.
BMI270 / LSM6DSVMechanik6-Achsen-IMU±16 g, ±2000 °/sI²C / SPIAktuelle Generation mit sehr niedrigem Stromverbrauch und eingebauter Bewegungserkennung.
MPX5700 / ABP-SerieMechanikDruck0–700 kPa (= 0–7 bar)±1 … 2,5 %analog / I²CAbsolut-, Relativ- und Differenzdruck unterscheiden. Für Pneumatik und Füllstandsmessung.
Piezo-BeschleunigungssensorMechanikSchwingungbis 10 kHz1–5 %analog (IEPE)Für Zustandsüberwachung an Maschinen. Misst nur dynamisch, keine statische Beschleunigung.
Inkrementalgeber (AB, 1024 Imp.)PositionDrehwinkel relativunbegrenztQuadratur → 4096 Flanken/U2 DigitalsignaleBraucht Referenzfahrt nach jedem Einschalten. Auswertung im Timer-Encodermodus des Controllers, nicht per Interrupt.
AS5600 / AS5047PositionAbsoluter Drehwinkel0–360°12 bzw. 14 Bit, ±0,3 … 1°I²C / SPI / PWMMagnetischer Winkelsensor mit diametral magnetisiertem Magneten über dem Chip. Kein Referenzieren nötig.
LinearpotentiometerPositionWeg absolut10 mm … 1 m0,1–1 %analogBillig und einfach, aber Verschleiß am Schleifer. Für langsame und wenig zyklische Anwendungen.
LVDTPositionWeg absolut±0,5 … ±500 mm0,1 %analog (Trägerfrequenz)Berührungslos, sehr langlebig, hochauflösend. Braucht eine Auswerteelektronik mit Trägerfrequenz.
Glasmaßstab / LinearencoderPositionWeg absolut oder inkrementalbis mehrere Meter1 µm und feinerAB / BiSS / EnDatDer Standard an Werkzeugmaschinen. Empfindlich gegen Späne und Kühlmittel.
VL53L1xPositionEntfernung (Time-of-Flight)4 cm … 4 m±3 mm bis ±5 %I²CSehr klein, sehr genau für die Baugröße. Bei Sonnenlicht reduzierte Reichweite.
HC-SR04PositionEntfernung (Ultraschall)2 cm … 4 m±1 cmTrigger/EchoSehr billig, aber temperaturabhängig (Schallgeschwindigkeit) und mit breiter Keule. Für Näherung ausreichend, für Messtechnik nicht.
ACS712 / ACS724ElektrischStrom (Hall, isoliert)±5 … ±30 A1,5–3 %analogGalvanisch getrennt, misst AC und DC. Offsetdrift und Rauschen begrenzen die Auflösung.
INA219 / INA226ElektrischStrom über Shuntje nach Shunt0,5 %I²CMisst Strom, Spannung und Leistung. Der Standard für Verbrauchsmessung an Baugruppen.
Stromwandler (SCT-013)ElektrischWechselstrom10–100 A1–3 %analogKlemmbar, ohne Auftrennen der Leitung. Sekundär niemals offen lassen. Nur für AC.
Spannungsteiler + OptokopplerElektrischNetzspannung erkennen230 V ACdigitalFür Nulldurchgangserkennung und Phasenanschnitt. Isolationsabstände einhalten.
Fotowiderstand (LDR)OptischHelligkeit1 – 100 kΩgrobanalogSehr billig, träge, stark exemplarstreuend. Für Hell/Dunkel-Entscheidungen ausreichend.
BH1750 / VEML7700OptischBeleuchtungsstärke1 – 65 000 lx±20 %I²CMit an das menschliche Auge angepasster Spektralkurve — im Gegensatz zum LDR ein echter Lux-Wert.
TCS34725 / AS7341OptischFarbe / SpektrumI²CFarbmessung mit eigener Beleuchtung. AS7341 liefert elf Spektralkanäle.
GabellichtschrankeOptischAnwesenheit, Endlagewenige mmSchalterdigitalDer Standard für Endschalter an Achsen. Verschmutzung ist die Hauptausfallursache.
Kamera (OV2640, OV5640)OptischBildDVP / MIPIAb hier beginnt Bildverarbeitung. Rechenleistung und Speicher werden zum bestimmenden Faktor.
Auswahl in vier Schritten: Messbereich mit Reserve nach oben wählen — ein Sensor am Anschlag liefert keine Information. Schnittstelle zum Aufbau passend wählen: I²C unter einem Meter halten, darüber RS-485, CAN oder 4–20 mA. Im Datenblatt zuerst absolute Grenzwerte, Versorgung, Ruhestrom, Ansprechzeit und Temperaturbereich lesen. Und prüfen, ob es eine gepflegte Bibliothek gibt — ein exotischer Sensor ohne Treiber kostet mehr Zeit, als er an Genauigkeit bringt.
Quellen und Bezug
  • Jacob Fraden, Handbook of Modern Sensors, Springer; Tränkler & Reindl (Hrsg.), Sensortechnik, Springer.
  • DIN EN 60751 (Pt100/Pt1000) und IEC 60584 (Thermoelemente) — die verbindlichen Kennlinien und Toleranzklassen.
  • Datenblätter der Hersteller: Bosch Sensortec, Sensirion, TDK InvenSense, ams OSRAM, STMicroelectronics, Texas Instruments, Analog Devices — MEMS-Datenblätter mit Layout- und Montagehinweisen.
  • Bezugsquellen mit belastbaren Datenblättern: Mouser, Digi-Key, Reichelt, TME, LCSC.
  • Bibliotheken: Adafruit und SparkFun auf GitHub, dazu die Hersteller-Treiber (Bosch BSEC, Sensirion Embedded Drivers).
  • Weitere Bauteile jenseits der Sensorik: Nachschlagewerk → Komponenten-Katalog.

10 / 14Encoder & Positionsmessung

Positionsmessung ist die Voraussetzung jeder Bewegungsregelung. Die Grundentscheidung: inkremental (billig, braucht Referenzfahrt) oder absolut (teurer, kennt die Position sofort nach dem Einschalten). Alles Weitere folgt daraus.

Inkrementalgeber und Quadratur

A B vier Flanken je Periode = vierfache Auflösung A eilt vor B → Rechtslauf
PunktDetail
QuadraturZwei um 90° versetzte Signale. Aus ihrer Reihenfolge folgt die Drehrichtung, aus der Flankenzahl der Weg
VierfachauswertungEin Geber mit 1024 Strichen liefert 4096 auswertbare Flanken je Umdrehung — steigende und fallende Flanke beider Spuren
Indexspur (Z)Ein Impuls je Umdrehung. Erlaubt Referenzierung ohne Endschalter und deckt verlorene Impulse auf
AuswertungImmer den Hardware-Encodermodus des Timers verwenden, nie per Interrupt — bei hoher Drehzahl gehen sonst Impulse verloren (Embedded → Peripherie)
StörfestigkeitDifferentielle Signale (RS-422, „A/A quer“) ab etwa einem Meter Leitungslänge. Single-Ended fängt im Schaltschrank zuverlässig Störungen ein
ReferenzfahrtNach jedem Einschalten nötig: zum Endschalter fahren, dann bis zum nächsten Indeximpuls. Erst danach ist die Position bekannt

Absolutgeber und Resolver

Singleturn
Kennt die Position innerhalb einer Umdrehung, typisch 12–19 Bit. Beim Einschalten sofort gültig.
Multiturn
Zählt zusätzlich die Umdrehungen — mechanisch über ein Getriebe oder elektronisch mit Pufferbatterie. Für lange Verfahrwege.
Schnittstellen
SSI (einfach, verbreitet), BiSS-C (offen, bidirektional), EnDat (Heidenhain), Hiperface (SICK/Sensata). Bei Servoantrieben herstellerabhängig.
Magnetisch auf dem Chip
AS5600 (12 Bit), AS5047 und MA732 (14 Bit): ein diametral magnetisierter Magnet über dem Baustein. Günstig, kompakt, für Kleinserien die naheliegende Lösung.
Resolver — Stärken
Ein kleiner Transformator mit Rotor- und zwei um 90° versetzten Statorwicklungen; der Winkel folgt aus dem Verhältnis beider Ausgangsspannungen. Keine Elektronik im Sensor: verträgt Hitze, Vibration und Strahlung. Standard im Fahrzeug- und Luftfahrtantrieb.
Resolver — Preis dafür
Braucht Trägerfrequenz-Speisung und einen Resolver-Digital-Wandler (AD2S1210 und ähnliche), löst gröber auf als optische Geber und ist im Gesamtsystem teurer.
Gray-Code statt Binärcode: Bei optischen Absolutgebern mit Codescheibe ändert sich zwischen benachbarten Positionen immer nur ein Bit. Bei Binärcode könnte an einer Codegrenze — etwa 0111 nach 1000 — kurzzeitig ein völlig falscher Wert entstehen, wenn die Spuren nicht exakt gleichzeitig umschalten.

Geber im Vergleich

Geber AuflösungRobustEinfachKompaktGünstig
Inkrementalgeber, optischinkremental 5 von 5 3 von 5 4 von 5 3 von 5 4 von 5
StarkHohe Auflösung fürs Geld; der Timer wertet in Hardware aus. SchwachKennt nach dem Einschalten nichts: Referenzfahrt Pflicht; Störimpulse zählen mit. Nimm es fürMotorwellen, Achsen mit Endschalter, Handräder.
Magnetischer Winkelsensorabsolut · AS5047, MA732 4 von 5 4 von 5 4 von 5 5 von 5 5 von 5
StarkWinkel sofort nach dem Einschalten; ein Magnet, ein Chip, SPI oder PWM. SchwachNur Singleturn; Magnetausrichtung und Fremdfelder verschieben den Wert. Nimm es fürBLDC-Kommutierung, Gelenke, Drehknöpfe, Kleinserien.
Optischer Absolutgeberabsolut · Multiturn 5 von 5 3 von 5 2 von 5 2 von 5 1 von 5
StarkPosition über viele Umdrehungen ohne Referenzfahrt, bis 19 Bit. SchwachTeuer, Schnittstellen herstellerabhängig (SSI, BiSS, EnDat), empfindlich gegen Schmutz. Nimm es fürServoachsen, Werkzeugmaschinen, alles, was nach Stromausfall weiß, wo es steht.
Resolverabsolut · elektromagnetisch 2 von 5 5 von 5 1 von 5 3 von 5 2 von 5
StarkKeine Elektronik im Sensor: verträgt Hitze, Vibration, Öl und Strahlung. SchwachBraucht Trägerfrequenz und R/D-Wandler, gröbere Auflösung, im System teuer. Nimm es fürFahrzeug- und Luftfahrtantriebe, heiße Motoren.
Potentiometerabsolut · analog 2 von 5 2 von 5 5 von 5 4 von 5 5 von 5
StarkAbsolut, ein ADC-Pin, kostet fast nichts. SchwachSchleifer verschleißt, rauscht, begrenzter Drehbereich. Nimm es fürSollwertgeber, Klappenstellung, langsame Achsen mit wenigen Zyklen.

Punkte sind Einordnungen typischer Vertreter (5 = sehr gut), keine Messwerte. Sie helfen bei der Vorauswahl — entschieden wird am Datenblatt.

Auflösung, die tatsächlich ankommt

Schritte je mm = Geberauflösung · Getriebeuntersetzung / Spindelsteigung Beispiel: 4096 Flanken/U, Untersetzung 5:1, 5 mm Steigung → 4096 · 5 / 5 mm = 4096 Schritte je mm, rechnerisch 0,24 µm.
Rechnerische Auflösung ist nicht erreichbare Genauigkeit. Dazwischen stehen Getriebespiel, Steigungsfehler der Spindel, Verformung unter Last, Wärmedehnung und Führungstoleranzen. Eine Achse mit 0,24 µm Auflösung und 50 µm Umkehrspiel positioniert auf 50 µm genau. Wer wirklich genau positionieren will, misst direkt am Abtrieb — der Unterschied zwischen indirekter und direkter Wegmessung.

Endschalter und Referenzieren

TypWiederholgenauigkeitAnmerkung
Mechanischer Mikroschalter10–50 µmBillig, prellt, verschleißt. Öffner verwenden, damit ein Kabelbruch als Auslösung erkannt wird
Gabellichtschranke5–20 µmVerschleißfrei, aber empfindlich gegen Späne und Staub
Induktiver Näherungsschalter20–100 µmSehr robust gegen Schmutz und Öl, dafür gröber
Hall-Sensor mit Magnet50–200 µmBerührungslos, funktioniert durch Kunststoff hindurch
Anschlagerkennung über Strom0,1–1 mmSensorless Homing: Der Treiber erkennt den Anschlag am Motorstrom. Spart Bauteile, hängt aber von Reibung und Temperatur ab (Treiber)

Grob anfahren

Mit höherer Geschwindigkeit in Richtung Endschalter, bis er auslöst.

Freifahren

Ein Stück zurück, bis der Schalter wieder frei ist.

Langsam anfahren

Stark reduzierte Geschwindigkeit, erneut bis zum Auslösen. Die Wiederholgenauigkeit steigt dabei um eine Größenordnung.

Auf den Index setzen

Falls vorhanden, bis zum nächsten Indeximpuls weiterfahren. Erst dieser Punkt ist auf die Geberauflösung genau reproduzierbar.

Nullpunkt setzen, dann Grenzen aktivieren

Software-Endlagen dürfen erst nach erfolgreicher Referenzfahrt wirken — vorher sind sie bedeutungslos.
Quellen
  • Heidenhain, Messgeräte für elektrische Antriebe und Längenmessgeräte — kostenlose technische Broschüren, sehr fundiert.
  • Analog Devices, Application Notes zum Resolver-zu-Digital-Wandler AD2S1210.
  • ams OSRAM, Datenblätter und Application Notes zu AS5600 und AS5047 — inklusive Magnetauswahl und Montagetoleranzen.
  • Referenzhandbücher zu STM32-Timern im Encodermodus.

11 / 14Motoren im Vergleich

Die Motorwahl entscheidet über den halben Antriebsstrang. Drei Fragen führen fast immer zur Antwort: Braucht es genaue Positionierung? Wie hoch ist die Drehzahl? Darf ein Geber mit ins Spiel? Erst danach zählen Drehmoment und Preis.

Eignungsprofil: Stärken und Schwächen

Wofür jeder Motortyp gebaut ist — und wo er einen ausbremst. Sechs Kriterien mit je fünf Punkten, daneben die drei Sätze, die die Entscheidung tragen. Spalten sind sortierbar.

Motortyp PräzisionKraft im StandDrehzahlKompaktEinfachGünstig
Bürsten-GleichstrommotorPWM + H-Brücke 1 von 5 2 von 5 4 von 5 3 von 5 5 von 5 5 von 5
StarkPWM und H-Brücke genügen; billig, überall verfügbar, dreht sofort los. SchwachBürsten verschleißen und funken; Position nur mit Geber. Nimm ihn fürFahrantriebe, Werkzeuge, alles, was einfach drehen soll.
GetriebemotorDC + Untersetzung 2 von 5 4 von 5 2 von 5 3 von 5 5 von 5 4 von 5
StarkHohes Moment bei kleiner Drehzahl, ohne eigene Getriebeauslegung. SchwachGetriebespiel begrenzt die Positionierung; jede Stufe kostet Wirkungsgrad. Nimm ihn fürRäder, Förderbänder, langsame Achsen.
Schrittmotoroffen, ohne Geber 4 von 5 5 von 5 2 von 5 2 von 5 4 von 5 4 von 5
StarkPositioniert ohne Geber, volles Haltemoment im Stand, ein Treiber für alles. SchwachVerliert bei Überlast stumm Schritte; Moment fällt mit der Drehzahl; im Stand fließt dauernd Strom. Nimm ihn für3D-Drucker, CNC, Positionierachsen mit planbarer Last.
Modellbau-ServoRegler eingebaut 3 von 5 3 von 5 1 von 5 5 von 5 5 von 5 4 von 5
StarkRegler, Getriebe und Geber im Gehäuse; ein PWM-Pin genügt. SchwachNur Stellbereich statt Dauerdrehung, Kunststoffgetriebe verschleißt, zittert um den Sollwert. Nimm ihn fürKlappen, Greifer, Ruder, kleine Gelenke.
BLDC (blockkommutiert)Hall oder sensorlos 3 von 5 2 von 5 5 von 5 5 von 5 2 von 5 3 von 5
StarkHöchste Drehzahl und Leistungsdichte, keine Bürsten, praktisch wartungsfrei. SchwachBraucht einen Kommutierungsregler; sensorlos kein Moment im Stand. Nimm ihn fürPropeller, Lüfter, Pumpen, Spindeln, E-Bikes.
PMSM mit FOCServoantrieb 5 von 5 5 von 5 5 von 5 4 von 5 1 von 5 1 von 5
StarkVolles Moment ab Stillstand, sehr gleichmäßig, bester Wirkungsgrad, mit Absolutgeber hochgenau. SchwachRegler, Strommessung und Encoder nötig; die teuerste Kette. Nimm ihn fürServoachsen, Robotergelenke, Werkzeugmaschinen, Fahrzeugantriebe.
AsynchronmotorNetz oder Umrichter 2 von 5 1 von 5 4 von 5 2 von 5 3 von 5 4 von 5
StarkRobust, günstig je Kilowatt, läuft direkt am Netz, keine Magnete. SchwachSchwer; Drehzahl nur mit Frequenzumrichter, Positionierung nur mit Geber und Vektorregelung. Nimm ihn fürPumpen, Lüfter, Kompressoren, Spindeln ab einigen hundert Watt.
LinearmotorDirektantrieb 5 von 5 4 von 5 5 von 5 3 von 5 1 von 5 1 von 5
StarkKeine Spindel, kein Spiel, höchste Beschleunigung, Messung direkt am Abtrieb. SchwachTeuer, hält ohne Strom nicht, Streufeld zieht Späne an, braucht Kühlung. Nimm ihn fürBestückungsautomaten, Messmaschinen, Präzisionsachsen.

Punkte sind Einordnungen typischer Vertreter (5 = sehr gut), keine Messwerte. Sie helfen bei der Vorauswahl — entschieden wird am Datenblatt.

Der Vergleich in Zahlen

MotortypAnsteuerungPositionierungDrehzahlWirkungsgradWartungTypischer Einsatz
Bürsten-GleichstrommotorPWM plus H-Brückenur mit Geberhoch50–75 %BürstenverschleißBillige Antriebe, Modellbau, Werkzeuge
Getriebemotorwie obennur mit Geberniedrig, hohes Moment40–70 %GetriebespielFahrantriebe, Fördereinrichtungen
SchrittmotorSchrittsequenz mit Stromregelungohne Sensor, solange nicht überlastetniedrig bis mittel30–60 %gering3D-Drucker, CNC, Positionierachsen
Modellbau-ServoPulsbreite 1,0–2,0 ms bei 50 Hz (Mitte 1,5 ms)eingebaut, Stellbereich typ. 90–180°geringGetriebeverschleißModellbau, Klappen, einfache Achsen
BLDC (blockkommutiert)elektronisch, mit Hall-Sensoren oder sensorlosnur mit Gebersehr hoch85–92 %praktisch keineDrohnen, Lüfter, Pumpen, E-Bikes
PMSM mit FOCfeldorientierte Regelungmit Absolutgeber sehr genauhoch90–96 %keineServoantriebe, Werkzeugmaschinen, Fahrzeugantriebe
Asynchronmotordirekt am Netz oder über Frequenzumrichternur mit Geberhoch85–95 %sehr geringPumpen, Lüfter, Werkzeugmaschinen-Spindeln
Linearmotorwie PMSMdirekt, ohne Umsetzungsehr hohe BeschleunigunghochkeineBestückungsautomaten, Präzisionsachsen

Schrittmotor im Detail

Bauformen
Hybrid-Schrittmotoren mit 1,8° (200 Vollschritte/U) sind der Standard, 0,9°-Typen (400 Schritte/U) gibt es für höhere Auflösung. NEMA 17 und NEMA 23 bezeichnen nur das Flanschmaß, nicht die Leistung.
Mikroschritt
Zwischenpositionen durch anteilige Ströme in beiden Wicklungen. Verbessert vor allem die Laufruhe; die Positioniergenauigkeit steigt deutlich weniger, weil das rückstellende Moment je Mikroschritt entsprechend klein wird.
Drehmomentabfall
Mit steigender Drehzahl fällt das Moment, weil die Wicklungsinduktivität den Stromaufbau bremst und die Gegen-EMK steigt. Deshalb arbeiten Treiber mit weit höherer Spannung als der Nennspannung des Motors und regeln den Strom (Chopper).
Schrittverlust
Bei Überlast verliert der Motor Schritte — ohne jede Rückmeldung, die Position ist danach falsch. Gegenmittel: Reserve einplanen, Rampen fahren, oder Encoder ergänzen (Closed-Loop-Schrittmotor).
Resonanzen
In einem mittleren Drehzahlbereich (oft um 100–300 Schritte/s) gerät das Rotor-Last-System in Resonanz und verliert Schritte. Mikroschritt, Dämpfer oder zügiges Durchfahren helfen.
Haltemoment kostet Strom
Ein Schrittmotor zieht im Stillstand vollen Strom. Bei längeren Pausen absenken (Standstill Current Reduction) — sonst wird er ohne mechanische Arbeit heiß.

BLDC und PMSM

AspektBlockkommutierung (6-Schritt)Feldorientierte Regelung (FOC)
StromformRechteck, jeweils zwei Phasen bestromtSinus, alle drei Phasen
RundlaufDrehmomentwelligkeit spürbarsehr gleichmäßig
RechenaufwandgeringClarke- und Park-Transformation, zwei Stromregler, meist 10–20 kHz Regeltakt
Positionsinformationdrei Hall-Sensoren oder Gegen-EMKEncoder oder Beobachter, hochauflösend
Moment bei Stillstandschlecht (sensorlos gar nicht)volles Moment
Wirkungsgradgutam besten
FOC ist erreichbar geworden. Was früher einen DSP und Wochen Entwicklung brauchte, läuft heute auf einem STM32G4 oder ESP32 mit fertigen Bibliotheken. SimpleFOC ist quelloffen, gut dokumentiert und arbeitet mit gängigen Treiberboards. Der Ablauf Schritt für Schritt: Motortreiber & Ansteuerung.

Motorkennwerte lesen

KennwertBedeutungFallstrick
Nennmoment M_Ndauerhaft abgebbares MomentGilt nur bei der angegebenen Kühlung und Umgebungstemperatur
HaltemomentMoment im Stillstand (Schrittmotor)Fällt mit der Drehzahl stark ab — immer die Drehmomentkurve ansehen
Spitzenmomentkurzzeitig, für BeschleunigungZeitbegrenzt; Dauerbetrieb dort zerstört den Motor
Momentkonstante k_MNm je AmpereIm SI-Maß zahlengleich mit k_E in V·s/rad
Spannungskonstante k_EV je 1000 min⁻¹Bestimmt die Leerlaufdrehzahl bei gegebener Spannung
Drehzahlkonstante K_vmin⁻¹ je VoltKehrwert von k_E; es gilt k_M ≈ 9,55/K_v in Nm/A — hohe K_v heißt viel Drehzahl und wenig Moment je Ampere
Rotorträgheitsmoment Jkg·m²Entscheidend für die Beschleunigung; siehe Trägheitsanpassung
WicklungswiderstandΩ je PhaseBestimmt die Verluste im Stillstand
Quellen
  • Rolf Fischer, Elektrische Maschinen, Hanser — das deutschsprachige Standardwerk.
  • Duane Hanselman, Brushless Permanent Magnet Motor Design — für BLDC und PMSM.
  • Trinamic/Analog Devices, Stepper Motor Application Notes — Chopper-Verfahren, StealthChop, StallGuard.
  • SimpleFOC — quelloffene FOC-Bibliothek mit sehr guter Dokumentation.
  • Texas Instruments, Field Oriented Control of Permanent Magnet Motors (BPRA073) und die InstaSPIN-Unterlagen.

12 / 14Motortreiber & Ansteuerung

Der Treiber ist die Stufe zwischen Logik und Leistung — und die häufigste Fehlerquelle im Antriebsstrang. Drei Dinge entscheiden über Erfolg: Strombegrenzung, Schaltzeitpunkt und ein Layout, das Störungen nicht in die Steuerung zurückkoppelt.

Die Treiberklassen

KlasseFürBeispieleMerkmale
Einfache H-BrückeBürsten-GleichstrommotorenDRV8871, TB6612FNG, BTS7960Vier Schalter, PWM plus Richtung. Auf Strombegrenzung und Übertemperaturschutz achten
SchrittmotortreiberSchrittmotorenA4988, DRV8825, TMC2209, TMC5160Zwei H-Brücken mit Chopper-Stromregelung, Mikroschritt, Step/Dir-Schnittstelle
Dreiphasen-GatetreiberBLDC und PMSMDRV8313, DRV8323, L6234Drei Halbbrücken mit Bootstrap-Versorgung, einstellbarer Totzeit, Überstromschutz
FrequenzumrichterAsynchron- und SynchronmotorenIndustriegeräteGleichrichter, Zwischenkreis, Wechselrichter; Regelverfahren U/f oder vektoriell
ServoverstärkerPMSM mit GeberIndustriegeräteKaskade Strom-Drehzahl-Position, Feldbus, Sicherheitsfunktionen (STO und Co.)
+U_B GND Q1 Q2 Q3 Q4 M Q1 + Q4 ein → Rechtslauf Q2 + Q3 ein → Linkslauf Q1 + Q3 zugleich = Brückenkurzschluss → Totzeit zwischen den Flanken nötig

Die Totzeit (Dead Time) zwischen dem Ausschalten des einen und dem Einschalten des anderen Schalters eines Brückenzweigs ist Pflicht — sonst leiten beide für Nanosekunden gleichzeitig. Integrierte Treiber erzeugen sie selbst, bei diskretem Aufbau muss der Timer sie liefern.

Strombegrenzung — der wichtigste Parameter

Warum sie nötig ist

Ein stehender Motor ist elektrisch fast ein Kurzschluss: Nur der Wicklungswiderstand begrenzt. 1 Ω an 24 V bedeutet 24 A — weit über dem Nennstrom.

Wie sie funktioniert

Der Treiber misst den Strom über einen Shunt und schaltet ab, sobald der Sollwert erreicht ist; nach fester Zeit wieder ein. Das ist das Chopper-Verfahren.

Einstellen beim Schrittmotortreiber

Bei A4988 und DRV8825 über Potentiometer und Referenzspannung V_ref. Die Formel unterscheidet sich je Modul — den Wert immer nachmessen, nicht raten. Startwert: 70–85 % des Motornennstroms.

Erwärmung prüfen

Nach zehn Minuten Betrieb: Motor deutlich über 80 °C oder Treiber zu heiß zum Anfassen heißt zu viel Strom. Motoren dürfen warm werden — die Grenze setzen oft benachbarte Kunststoffteile.

Beim eigenen Treiber

Überstromabschaltung in Hardware: Komparator auf den Shunt, direkt auf den Break-Eingang des Timers. Software allein reagiert bei einem Kurzschluss zu langsam.

Schrittmotortreiber im Vergleich

TreiberStromSpannungMikroschrittAnmerkung
A49881 A, mit Kühlung bis 2 Abis 35 Vbis 1/16Der Klassiker: billig, laut, wenig Spannungsreserve
DRV88251,5 A, mit Kühlung bis 2,2 A8,2–45 Vbis 1/32Etwas kräftiger als A4988, ähnliches Verhalten
TMC2208 / TMC22091,4 A effektiv, 2 A Spitzebis 29 Vbis 1/256 interpoliertStealthChop (leise), StallGuard beim TMC2209 (sensorlose Anschlagerkennung). UART-Konfiguration
TMC5160Gate-Treiber für externe MOSFETs — fertige Module typisch 3 A effektiv, mit größeren FETs deutlich mehrbis 60 Vbis 1/256Rampengenerator im Chip, SPI. Für große Achsen; der Treiber übernimmt die Bewegungsplanung
Closed-Loop-Moduleje nach Typje nach TypEncoder am Motor, Schrittverluste werden nachgeregelt — Einfachheit des Schrittmotors mit der Sicherheit eines Servoantriebs

Welcher Treiber wofür

Treiber Strom & SpannungLaufruheEinfachFunktionenGünstig
A4988der Klassiker 2 von 5 1 von 5 5 von 5 1 von 5 5 von 5
StarkBillig, überall erhältlich, Step/Dir und fertig. SchwachLaut, nur 1/16 Mikroschritt, wenig Spannungsreserve, wird schnell heiß. Nimm ihn fürErste Versuche, unkritische Achsen, Ersatz im Altgerät.
DRV8825A4988 mit Reserve 3 von 5 2 von 5 5 von 5 1 von 5 5 von 5
StarkEtwas mehr Strom und bis 45 V, 1/32 Mikroschritt. SchwachGleiche Bauart, gleiches Pfeifen; Mikroschrittfehler bei kleinen Strömen. Nimm ihn fürWo ein A4988 zu schwach ist und Lautstärke egal.
TMC2209leise, UART 3 von 5 5 von 5 4 von 5 4 von 5 4 von 5
StarkStealthChop nahezu lautlos, StallGuard für sensorloses Referenzieren, per UART konfigurierbar. SchwachBis 29 V; StealthChop kostet Moment bei hoher Drehzahl; die UART-Verdrahtung will sauber gemacht sein. Nimm ihn für3D-Drucker, Laborgeräte, alles im Wohnraum.
TMC5160externe MOSFETs, SPI 5 von 5 5 von 5 2 von 5 5 von 5 2 von 5
StarkBis 60 V, Strom nur durch die FETs begrenzt, Rampengenerator im Chip übernimmt die Bewegungsplanung. SchwachSPI-Konfiguration mit vielen Registern; Modulqualität streut stark. Nimm ihn fürGroße Achsen, NEMA 23/34, hohe Zwischenkreisspannung.
Closed-Loop-ModulSchrittmotor + Encoder 4 von 5 4 von 5 3 von 5 4 von 5 2 von 5
StarkEncoder am Motor regelt Schrittverluste nach; Alarm statt stiller Fehlposition. SchwachTeurer, größer, Abstimmung nötig; ersetzt keinen echten Servoantrieb. Nimm ihn fürCNC-Achsen, bei denen ein verlorener Schritt teuer ist.

Punkte sind Einordnungen typischer Vertreter (5 = sehr gut), keine Messwerte. Sie helfen bei der Vorauswahl — entschieden wird am Datenblatt.

Nie einen Motor bei eingeschaltetem Treiber abstecken. Die Wicklungsinduktivität erzeugt beim Trennen eine Spannungsspitze, die den Treiber zerstört — die mit Abstand häufigste Todesursache von Schrittmotortreibern. Ebenso: Treiber nicht verkehrt herum aufstecken, das überlebt kaum einer.

PWM richtig einstellen

FrequenzWirkungBewertung
< 1 kHzHörbares Brummen, sichtbare DrehmomentwelligkeitNur bei Lüftern und unkritischen Anwendungen
1–15 kHzMitten im Hörbereich — es pfeiftDer ungünstigste Bereich; wenn möglich meiden
16–25 kHzFür die meisten Ohren nicht mehr hörbarDer übliche Kompromiss bei Motoren
> 30 kHzSicher unhörbar, aber deutlich mehr SchaltverlusteBei kleinen Strömen und guten MOSFETs sinnvoll
Auflösung gegen Frequenz
Beide teilen sich denselben Timer-Zähler: Bei 100 MHz Timertakt und 20 kHz PWM bleiben 5000 Stufen, also gut 12 Bit. Mehr Auflösung braucht einen schnelleren oder hochauflösenden Timer (etwa HRTIM beim STM32G4).
Center-Aligned zählen
Der zentrierte Zählmodus erzeugt ein symmetrisches Signal mit weniger Oberwellen — und liefert in der Zählermitte den sauberen Triggerzeitpunkt für die Strommessung.

Feldorientierte Regelung — der Ablauf

Ströme messen

Zwei der drei Phasenströme genügen, der dritte folgt aus der Summe null. Gemessen wird per Shunt, synchron zur PWM-Mitte.

Clarke-Transformation

Aus drei Phasenströmen werden zwei orthogonale Komponenten (α, β) im statorfesten System.

Park-Transformation

Mit dem Rotorwinkel entstehen daraus i_d (feldbildend) und i_q (momentbildend) im rotorfesten System. Ab hier sind es aus Sicht des Reglers Gleichgrößen.

Zwei PI-Regler

Einer regelt i_d auf null (kein unnötiger Feldstrom), einer i_q auf den Momentsollwert. Weil es Gleichgrößen sind, genügt ein einfacher PI-Regler.

Rücktransformation und Modulation

Inverse Park, dann Raumzeigermodulation (SVPWM) auf die drei Halbbrücken. SVPWM nutzt die Zwischenkreisspannung rund 15 % besser aus als reine Sinusmodulation.

Alles in einem Regeltakt

Typisch 10–20 kHz, synchron zur PWM — der ganze Ablauf muss in unter 50 µs fertig sein. Auf einem Cortex-M4 mit FPU gut machbar.

Layout und Störungen

  • Leistungs- und Signalmasse getrennt führen und an genau einem Punkt verbinden — am besten am Shunt.
  • Motorleitungen verdrillen und möglichst schirmen: Sie führen steile Flanken und strahlen kräftig ab.
  • Zwischenkreiskondensator direkt an der Brücke, nicht am Netzteil. Der pulsförmige Strom muss auf kürzestem Weg fließen.
  • Gate-Widerstände nicht weglassen: 10–47 Ω dämpfen die Schwingung und senken die Störabstrahlung deutlich.
  • Encoderleitung getrennt von der Motorleitung führen — eine gestörte Encoderleitung erzeugt Positionssprünge, die wie Software-Fehler aussehen.
  • Bremswiderstand vorsehen, wenn Massen abgebremst werden. Sonst treibt die zurückgespeiste Energie die Zwischenkreisspannung hoch, bis der Treiber abschaltet oder stirbt.
  • Grundlagen zu Schirmung, Filter und Entstörung: Elektrotechnik → EMV.
Quellen
  • Trinamic/Analog Devices, Datenblätter TMC2209 und TMC5160 — StealthChop, SpreadCycle, StallGuard, externe Gate-Treiberstufe.
  • Texas Instruments, Motor Drive Fundamentals und die DRV83xx-Anwendungsberichte.
  • ST, AN5397 — FOC with STM32 und die Dokumentation des Motor Control SDK.
  • SimpleFOC — quelloffene Umsetzung mit erklärten Schritten.
  • VESC Project — offener Motorregler für BLDC und PMSM, sehr lehrreicher Quelltext.

13 / 14Antrieb auslegen & Getriebe

Antriebsauslegung heißt: das benötigte Moment ehrlich ausrechnen — inklusive Beschleunigung, Reibung und Wirkungsgrad — und dann Reserve einplanen. Der häufigste Fehler ist, nur das Haltemoment zu betrachten und die Beschleunigung zu vergessen.

Die Grundgleichungen

M = F · r  ·  P = M · ω  ·  ω = 2π·n/60  ·  M_besch = J · α M in Nm, F in N, r in m, ω in rad/s, n in min⁻¹, J in kg·m², α in rad/s².

Momenten- und Leistungsrechner

Das Gesamtmoment zusammensetzen

Lastmoment

Was die Anwendung selbst braucht: Gewicht mal Hebelarm beim Heben, Vorschubkraft mal Spindelradius beim Fräsen, Prozesskraft beim Umformen.

Reibmoment

Lager, Führungen, Dichtungen — in der Praxis meist unterschätzt. Ein Trapezgewindetrieb hat 25–50 % Wirkungsgrad, eine Kugelumlaufspindel rund 90 %. Beim Losbrechen liegt die Haftreibung deutlich über der Gleitreibung.

Beschleunigungsmoment

M_besch = J_gesamt · α. J_gesamt umfasst Rotor, Kupplung, Getriebe und die auf die Motorwelle umgerechnete Last. Bei schnellen Achsen ist das oft der größte Anteil.

Reserve

20–50 % auf die Summe. Motoren altern, Reibung steigt, Spannungen brechen ein, und irgendwann kommt eine unvorhergesehene Last.

Betriebsart prüfen

Ein Motor darf kurzzeitig das Zwei- bis Dreifache seines Nennmoments abgeben. Bei zyklischem Betrieb zählt der Effektivwert über den Zyklus — Betriebsarten S1 bis S10 nach IEC 60034-1.

Trägheit umrechnen

ElementTrägheitsmoment JAnmerkung
Vollzylinder (Welle, Scheibe)J = ½·m·r²Bezogen auf die Drehachse
HohlzylinderJ = ½·m·(r_a² + r_i²)Riemenscheiben, Rohre
Linear bewegte MasseJ = m·(p/(2π))²p = Spindelsteigung in m je Umdrehung
RiementriebJ = m·r²m bewegte Masse, r Radius der Antriebsscheibe
Über ein GetriebeJ_motorseitig = J_last / i²Ein Getriebe reduziert die reflektierte Trägheit quadratisch — der Hauptgrund für seinen Einsatz
Trägheitsanpassung: Das Verhältnis J_last (auf die Motorwelle bezogen) zu J_Rotor sollte zwischen etwa 1:1 und 10:1 liegen. Zu schwere Last macht die Regelung schwingfreudig und schwer einstellbar, zu leichte verschenkt Motorleistung. Weil das Getriebe quadratisch wirkt, ändert schon 5:1 das Verhältnis um den Faktor 25.

Getriebe

BauartUntersetzung je StufeWirkungsgradSpielAnmerkung
Stirnradgetriebe1:1 … 1:896–98 %mittelEinfach, robust, laut bei hoher Drehzahl
Planetengetriebe1:3 … 1:10je Stufe 96–97 %, mehrstufig 90–94 %gering (5–20′)Kompakt, koaxial, hohe Momentdichte — der Standard bei Servoantrieben
Schneckengetriebe1:5 … 1:10040–90 %geringGroße Untersetzung in einer Stufe. Der Wirkungsgrad sinkt stark mit der Untersetzung; unter etwa 50 % wird es selbsthemmend
Harmonic Drive1:30 … 1:32070–90 %praktisch spielfreiIn Robotergelenken. Teuer, begrenzte Torsionssteifigkeit bei kleinen Momenten
Zykloidgetriebe1:10 … 1:20085–93 %geringSehr stoßfest, hohe Momentdichte
Zahnriemen1:1 … 1:695–98 %gering, aber elastischLeise, günstig, dämpfend. Die Riemendehnung begrenzt die Steifigkeit — bei Positionsregelung spürbar
Kugelumlaufspindel90–95 %vorspannbar auf nullWandelt Drehung in Vorschub; nicht selbsthemmend, Haltebremse einplanen
Trapezgewindespindel25–50 %abhängig von der MutterBillig, oft selbsthemmend, hoher Verschleiß im Dauerbetrieb

Zahnräder, Wellen, Lager und Passungen im Detail: Mechanik → Getriebe und Lager.

Rampen fahren

Warum keine Sprünge
Ein Drehzahlsprung verlangt unendliches Moment. Der Motor kann nicht folgen: Ein Schrittmotor verliert Schritte, ein Servoantrieb geht in die Strombegrenzung.
Trapezprofil
Konstante Beschleunigung, konstante Fahrt, konstante Verzögerung. Einfach zu rechnen und zeitoptimal — aber der Ruck ist an den Ecken theoretisch unendlich.
S-Kurve (ruckbegrenzt)
Die Beschleunigung wird selbst rampenförmig aufgebaut. Schonender für Mechanik und Last, regt weniger Schwingungen an, kostet etwas Zeit.
Praktische Auslegung
Maximale Beschleunigung aus dem verfügbaren Moment: α_max = (M_motor − M_last) / J_gesamt. Davon 70–80 % ansetzen.

Thermik nicht vergessen

  • Nennmoment gilt bei der angegebenen Kühlung. Ein Motor in einem geschlossenen Gehäuse ohne Luftbewegung verträgt deutlich weniger.
  • Ein Schrittmotor zieht im Stillstand vollen Strom. Bei Wartezeiten Stromabsenkung aktivieren, sonst wird er ohne jede mechanische Arbeit heiß.
  • Der Effektivwert zählt, nicht der Spitzenwert: Bei 3 s Beschleunigung mit 2 Nm und 27 s Stillstand ist M_eff = √((2²·3 + 0²·27)/30) = 0,63 Nm.
  • Motoren dürfen heiß werden — 80–100 °C Gehäusetemperatur sind bei Industriemotoren normal. Die Grenze setzen meist benachbarte Kunststoffteile oder Kabel.
Quellen
  • Fischer, Elektrische Maschinen — Betriebsarten und Erwärmung.
  • IEC 60034-1 — Betriebsarten S1 bis S10 für elektrische Maschinen.
  • Auslegungshandbücher der Hersteller: SEW-Eurodrive, Nanotec, Faulhaber, maxon motor — frei verfügbar und sehr brauchbar.
  • Roloff/Matek, Maschinenelemente — Getriebe- und Spindelberechnung; Kennwerte und Normteile: Mechanik → Werkstoffauswahl, Nachschlagewerk → Komponenten.

14 / 14Pneumatik, Hydraulik & Mechanik

Fluidantriebe gewinnen dort, wo Kraft, Robustheit und Einfachheit zählen — und die Mechanik entscheidet am Ende über jede Regelgüte. Pneumatik ist billig, schnell und schmutzunempfindlich, wegen der Kompressibilität der Luft aber schlecht regelbar. Hydraulik liefert enorme Kräfte auf kleinstem Raum, ist dafür teuer und leckageanfällig.

Elektrisch, pneumatisch oder hydraulisch

KriteriumElektrischPneumatischHydraulisch
Arbeitsdruck6–8 bar Netz, meist 6 bar am Zylinder150–350 bar, mobil bis 420 bar
Kraftdichtemittelgeringsehr hoch
Positionierbarkeitsehr gutschlecht — ohne Aufwand nur Endlagengut (Servoventile)
Geschwindigkeitgutsehr hochmittel
Wirkungsgrad gesamt85–95 %10–25 % (Kompressor, Leckage, Entspannung)50–70 %
Fehlerfallbleibt stehen oder fälltlässt sich definiert entlüftenhält die Last, kann aber schlagartig absacken
Umgebungempfindlich gegen Nässe und Staubsehr robust, auch nass und in Ex-Zonenrobust, aber Öl im Umfeld
Steifigkeithochgering — Luft federtsehr hoch
Antriebsart KraftPräzisionTempoEffizienzRobustEinfach & günstig
ElektrischMotor, Spindel, Getriebe 3 von 5 5 von 5 4 von 5 5 von 5 2 von 5 4 von 5
StarkPositioniert exakt, effizient, sauber; Regelung ist Standardware. SchwachEmpfindlich gegen Nässe und Staub; hohe Kräfte brauchen Getriebe oder Spindel. Nimm es fürGeregelte Achsen, Roboter, alles, was positionieren muss.
Pneumatisch6 bar Druckluft 2 von 5 1 von 5 5 von 5 1 von 5 5 von 5 5 von 5
StarkBillig, schnell, schmutzunempfindlich, entlüftet sich definiert. SchwachLuft federt: ohne Aufwand nur Endlagen; im Betrieb die teuerste Energieform. Nimm es fürGreifen, Klemmen, Auswerfen, Ex-Zonen und nasse Umgebungen.
Hydraulisch150–350 bar Öl 5 von 5 4 von 5 3 von 5 3 von 5 4 von 5 2 von 5
StarkEnorme Kräfte auf kleinstem Raum, sehr steif, hält die Last. SchwachTeuer, Leckage, Öl im Umfeld, Aggregat und Filter nötig. Nimm es fürPressen, Baumaschinen, schwere Lasten.

Punkte sind Einordnungen typischer Vertreter (5 = sehr gut), keine Messwerte. Sie helfen bei der Vorauswahl — entschieden wird am Datenblatt.

Druckluft ist die teuerste Energieform im Betrieb. Vom eingesetzten Strom kommt am Zylinder oft weniger als ein Fünftel an, der Rest geht in Kompressorverluste, Wärme und Leckage; 10 % Leckage im Netz sind keine Seltenheit. Wo eine Achse ohnehin geregelt werden muss, ist ein elektrischer Antrieb fast immer die bessere Wahl.

Pneumatik-Bausteine

BausteinFunktionAuswahlhinweis
WartungseinheitFilter, Druckregler, optional ÖlerFilter 5 µm für Standard, feiner für Sensorik und Lackieren. Kondensatablass nicht vergessen
Zylinder, einfachwirkendDruck in eine Richtung, Feder zurückFür Klemmen und Auswerfen; definierte Ruhelage bei Druckausfall
Zylinder, doppeltwirkendDruck in beide RichtungenKraft beim Ausfahren größer als beim Einfahren — die Kolbenstange verkleinert die Fläche
Wegeventil (5/2, 5/3)Verteilt die Luft auf die ZylinderkammernErste Zahl = Anschlüsse, zweite = Schaltstellungen. 5/3 mit Mittelstellung zum Halten oder Entlüften
DrosselrückschlagventilGeschwindigkeit einstellenAbluftdrosselung ist der Regelfall — sie läuft ruhiger als Zuluftdrosselung
EndlagendämpfungBremst kurz vor dem AnschlagAn jedem Zylinder einstellen, sonst schlägt er und die Mechanik leidet
Näherungsschalter am ZylinderEndlagenabfrage über den KolbenmagnetenDer Standard für die Rückmeldung an die Steuerung
Vakuumerzeuger (Ejektor)Erzeugt Unterdruck aus DruckluftFür Sauggreifer. Energiehungrig — mit Luftsparfunktion ausstatten
F_aus = p · π·d²/4  ·  F_ein = p · π·(d² − d_st²)/4 p in Pa (1 bar = 100 000 Pa), d Kolbendurchmesser, d_st Kolbenstangendurchmesser. Davon gehen 5–15 % Reibung ab.
Ø 20 mm bei 6 bar
188 N
theoretisch beim Ausfahren
Ø 32 mm bei 6 bar
483 N
der verbreitetste Zylinder
Ø 50 mm bei 6 bar
1178 N
bereits eine kräftige Achse
Ø 32 mm bei 200 bar
16 085 N
hydraulisch — der Unterschied in einer Zahl

Für die Auslegung 30–50 % Reserve einplanen: Der Netzdruck schwankt, die Dichtungsreibung steigt mit dem Alter, und beim Einfahren steht weniger Fläche zur Verfügung.

Praxis und Sicherheit

Typische Fehler

  • Schlauchquerschnitt zu klein — der Zylinder wird spürbar langsamer als berechnet
  • Kein Wasserabscheider: Kondensat zerstört Ventile und friert im Winter ein
  • Zuluft- statt Abluftdrosselung — die Bewegung ruckelt
  • Endlagendämpfung nicht eingestellt: Der Zylinder schlägt, die Halterung reißt aus
  • Ventilinsel weit vom Zylinder entfernt: Das Totvolumen verlängert jede Bewegung
  • Kein definierter Zustand bei Druckluftausfall

Was hilft

  • Ventile möglichst nah am Zylinder
  • Abluftdrosseln, für beide Richtungen getrennt einstellbar
  • Wartungseinheit mit automatischem Kondensatablass
  • Sicherheitsventil zum Entlüften vor Wartungsarbeiten
  • Leckagesuche mit Ultraschallmessgerät — spart im Dauerbetrieb bares Geld
  • Bei Not-Halt: definiert entlüften oder klemmen, nicht einfach den Druck wegnehmen
Gespeicherte Energie ist die Gefahr. Ein Zylinder unter Druck bewegt sich beim Lösen einer Verschraubung schlagartig. In der Hydraulik kommt hinzu: Ein feiner Ölstrahl bei 200 bar durchdringt Haut und verursacht schwere Verletzungen, die zunächst harmlos aussehen. Grundregeln: vor jedem Eingriff drucklos machen und gegen Wiedereinschalten sichern, Leckagen nie mit der Hand suchen (Karton oder Papier verwenden), Schläuche nach Herstellerangabe wechseln — auch wenn sie äußerlich in Ordnung sind. Anforderungen an die Anlage: Automatisierung → Funktionale Sicherheit.

Was die Mechanik der Regelung vorgibt

EffektWoran man ihn erkenntAuswirkung auf die RegelungGegenmaßnahme
UmkehrspielBeim Richtungswechsel passiert erst nichtsRegler übersteuert, dann schlägt es durch; GrenzzyklenVorgespannte Mutter, spielarmes Getriebe, am Abtrieb messen, immer aus derselben Richtung anfahren
HaftreibungAntrieb bleibt kurz vor dem Ziel stehen und ruckt dannBleibende Abweichung, Grenzzyklen mit dem I-AnteilWälz- statt Gleitführung, Losbrechmoment vorsteuern, Dither aufschalten
Geringe SteifigkeitAchse schwingt sichtbar nachBegrenzt die erreichbare Reglerbandbreite hartKürzere Hebel, größere Querschnitte, steifere Kupplung, zusätzliche Abstützung
RiemendehnungPosition stimmt statisch, nicht dynamischZusätzliche Feder im Regelkreis, ResonanzRiemen vorspannen, breiter wählen, Trumlängen kurz halten
UnwuchtVibration proportional zur DrehzahlPeriodische Störung, LagerverschleißAuswuchten, symmetrisch aufbauen
WärmedehnungPosition driftet über die BetriebszeitOhne Messung am Werkstück nicht wegregelbarSymmetrischer Aufbau, Warmlaufphase, Kompensation über Temperaturmessung
f_res = (1/2π)·√(c/m) Die erste mechanische Eigenfrequenz begrenzt die Reglerbandbreite auf etwa ein Drittel bis ein Fünftel ihres Werts. Wer schneller regeln will, muss die Mechanik steifer oder leichter machen — nicht den Regler mutiger einstellen.
  • Kraftfluss kurz halten: Jeder zusätzliche Übergang bringt Nachgiebigkeit und Spiel.
  • Messen, wo es zählt: Ein Geber am Motor sieht das Getriebespiel nicht (Positionsmessung).
  • Kupplung nach Torsionssteifigkeit wählen: Balgkupplung für Servoachsen; Elastomer- und Schlitzkupplungen sind torsionsweich und verschlechtern die Positionsregelung. Klemmnabe statt Madenschraube.
  • Bewegte Masse reduzieren — ein mitbewegter Motor zählt doppelt.
  • Mechanische Anschläge hinter den Endschaltern als letzte Sicherung, wenn Software oder Sensorik versagen.
  • Lager, Führungen, Kupplungen und Festigkeitsnachweise im Detail: Mechanik → Lager und Verbindungen; Schmierstoffauswahl: Schmiermittel-Vergleich.
Quellen
  • Festo Didactic, Grundlagen der Pneumatik und Grundlagen der Hydraulik — Lehrunterlagen, teilweise frei verfügbar.
  • SMC und Festo: Auslegungshandbücher und Online-Rechner für Zylinderkraft und Luftverbrauch.
  • ISO 1219-1 — Schaltzeichen für fluidtechnische Anlagen.
  • DGUV-Informationen zu Druckluftanlagen und zur Gefährdung durch Fluidstrahlen.
  • Roloff/Matek, Maschinenelemente; SKF und Schaeffler — technische Handbücher zu Lagerung, Passungen und Steifigkeit.